Kooperationen klein- und mittelständischer Unternehmen mit der Wissenschaft „Unser moderner industrieller Kern garantiert Arbeitsplätze!“

Kooperationen klein- und mittelständischer Unternehmen mit der Wissenschaft

„Unser moderner industrieller Kern garantiert Arbeitsplätze!“

Henning Kagermann ist seit Juni 2009 einer der beiden Präsidenten der Deutschen Akademie für Technikwissenschaft Acatech und leitet seit 2010 die Nationale Plattform Elektromobilität. 1975 promovierte Kagermann (*1947) in Physik und habilitierte sich fünf Jahre später für theoretische Physik an der TU Braunschweig, wo er anschließend zum außerplanmäßigen Professor ernannt wurde. Von 1982 bis 2009 arbeitete er bei der SAP AG, ab 1991 als Vorstand. Kagermann gilt als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der „Deutschland AG“. Er leitet auch den Innovationsdialog zwischen Bundesregierung, Wirtschaft und Wissenschaft. Bild: acatech/D. Ausserhofer
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Wirtschaft und Wissenschaft zum Wohl der Gesellschaft zusammenzubringen, ist der erklärte Willen von Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaft Acatech. Das Interview führte: Wolfgang Hess
mav: Wie wichtig sind Kooperationen für Sie, Herr Professor Kagermann?
Kagermann: In meinem Berufsleben habe ich durch Kooperieren nur dazugelernt. Wer als theoretischer Physiker wie ich zur SAP kommt und nicht kooperiert, hat keine Chance. Ich habe anfangs betriebswirtschaftliche Software mitentwickelt. Und wo lernt man, wo der Schuh drückt? Nur beim Kunden. Also: Nach Möglichkeit nichts allein im Kämmerlein entwickeln, sondern immer im Team und am Markt! Von der Philosophie, das eigene Knowhow nach außen abzuschotten, halte ich wenig. Wer gut ist und zuversichtlich, dass er schneller als die Konkurrenten unterwegs ist, braucht sich keine Sorgen zu machen, dass ihm andere die Butter vom Brot nehmen.
Wie beurteilen Sie die Kooperationen klein- und mittelständischer Unternehmen mit der Wissenschaft?
Kagermann: Die Zusammenarbeit ist bereits besser als in früheren Jahren. Dafür ausschlaggebend sind zwei Sachverhalte: Zum einen hat die Bundesregierung mit Instrumenten wie dem Forschungs-Campus neue Anknüpfungspunkte für längerfristige und partnerschaftliche Zusammenarbeit geschaffen. Durch den Forschungs-Campus, der vor rund zwei Jahren initiiert wurde, fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF das Engagement der Wirtschaft bei Wissenschaftseinrichtungen bis zu 15 Jahre lang. Rund 100 Unternehmen haben sich für die neun ausgeschriebenen Forschungs-Campi beworben. Die Auserwählten werden wohl ein Vielfaches von dem investieren, was sie von staatlicher Seite an Förderung erhalten. Das zeigt: Firmen sind inzwischen bereit, sich auf langfristige Forschungsprojekte festzulegen. Andererseits zeigt unser aktueller Innovationsindikator, dass die Teilhabe von klein- und mittelständischen Unternehmen am Innovationssystem ein vordringliches Thema bleibt.
Warum braucht es eine so lange Förderperiode?
Kagermann: Ich will das am Beispiel des Leichtbaus veranschaulichen. Den weiterzuentwickeln, ist schon lange das Ziel vieler Unternehmen. Doch wenn man verschiedene Materialien gleichzeitig und in einem Schritt bearbeiten möchte, weil das Ressourcen und Kosten spart, müssen die wissenschaftlichen Grundlagen erst einmal geschaffen und dann an die wirtschaftliche Anwendung herangeführt werden. Ein anderes Beispiel ist der Themenbereich „Big Data“: Dort gibt es eine enge Kooperation zwischen Top-Mathematikern der Wissenschaft und Firmen, die an Netzoptimierungen arbeiten, die für vielerlei Infrastrukturen relevant sind – etwa das Bahnnetz oder Gasnetze. Die Firmen erhalten zwar viele Daten über ihre Netze, aber sie kennen noch nicht die besten mathematischen Methoden, sie auszuwerten und auf dieser Basis die Netze zu optimieren. Um von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung zu kommen, muss man Kooperationen dauerhaft anlegen.
Und was ist der zweite Grund für die bessere Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft?
Kagermann: Durch den Wandel, den wir in Deutschland unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ diskutieren, entsteht bei den Firmen der Bedarf nach Kompetenzen und Kooperationen, die sie bisher nicht hatten. Beispielsweise wird künstliche Intelligenz (KI) plötzlich überall nachgefragt. Wenn es lediglich um inkrementelle Innovationen geht, also um Innovationen, basierend auf bestehenden Produkten, brauchen die Firmen die Wissenschaft oft nicht. Wenn es aber radikale Veränderungen gibt, benötigen sie fundamentale neue Kompetenzen, die häufig nur in wissenschaftlichen Instituten vorhanden sind. Durch solche Kooperationen gewinnen Unternehmen auch neue Mitarbeiter mit der entsprechenden Expertise.
Wichtig ist, dass Konsortien gebildet werden, in denen nicht nur die Großindustrie, sondern auch der Mittelstand vertreten ist. Eine Kooperation allein zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und Topfirmen, aber ohne mittelständische Unternehmen, würde eine tragende Säule unserer sozialen Marktwirtschaft außer Acht lassen. Auch wird es immer stärker auf leistungsfähige Geschäftsmodell-Ökosysteme ankommen, in denen kleinere und größere Unternehmen kooperieren. Daneben ist es wichtig, gemeinsam mit Verbänden Bewusstsein für den Wandel in der Wirtschaft zu schaffen. Und dann braucht man natürlich die Politik. Auf diese Weise haben wir bereits 2013 das Thema Industrie 4.0 bekannt gemacht. Auf der Hannover Messe haben wir die grundlegende Studie zum Thema an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Zugleich nahmen die Verbände das Thema auf und gründeten die Plattform Industrie 4.0, die heute auch politisch auf höchster Ebene begleitet wird. Der Transfer in den Mittelstand beschäftigt uns bis heute. Deshalb haben wir in diesem Jahr einen Online-Kurs „Hands-on Industrie 4.0“ angeboten. Er gibt leicht zugänglich einen Überblick über das Konzept, seine Anwendungen und Herausforderungen.
Mit welchem Erfolg?
Kagermann: Wir hatten fast 8000 Kursteilnehmer. Zwei Drittel davon kamen aus Unternehmen. Die Kursmodule sind kostenfrei, auf Deutsch und von überall über das Internet verfügbar. Der Zuspruch hat uns ermutigt, deshalb starten wir bald einen zweiten Kurs – über maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz.
Wird sich die derzeit gute Beschäftigungssituation in Deutschland durch die massive Integration von KI verschlechtern?
Kagermann: Ich glaube nicht. Dafür gibt es mehrere Gründe. Wenn wir die neuen Methoden und die sich daraus ergebenden Chancen nutzen, verbessern wir unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter und sorgen so für ein Plus an Wertschöpfung und Arbeitsplätzen. Schon heute lohnt sich die Verlagerung von Arbeit an Billiglohnstandorte immer weniger. Industrie 4.0 führt – wenn wir sie konsequent angehen – dazu, dass noch mehr Produktion zurückgeholt wird. Zweitens haben wir ähnliche Technologieschübe bereits gut gemeistert. Auch als sich vor etlichen Jahrzehnten die Automatisierungswelle ankündigte, haben die Menschen gestöhnt. Doch was ist am Ende passiert? Die Unternehmen, die diese Phase aktiv gestaltet haben, gehörten zu den Gewinnern – darunter auch viele deutsche Firmen. Unser moderner industrieller Kern garantiert Stabilität und Arbeitsplätze. Viele japanische Unternehmen klebten dagegen lange an den alten Beschäftigungsmodellen, produzierten in der Folge zu teuer und bekamen Schwierigkeiten.
Sie sehen noch eine weitere Chance bei der Aus- und Weiterbildung …
Kagermann: … wenn wir mit Industrie 4.0 Arbeitsplätze schaffen wollen, dann hängt dies ganz entscheidend von der Qualifizierung der Belegschaften ab. Wir haben zur Kompetenzentwicklung kürzlich eine Arbeit vorgelegt. Sie zeigt erstens, wie wichtig das Thema ist, zweitens dass wir hier noch viel zu tun haben und drittens: Die Digitalisierung erleichtert, individualisiert und erweitert die Aus- und Weiterbildung. Mit innovativen digitalen Methoden können wir Menschen auch „on the job“ qualifizieren. Sie ermöglichen eine Weiterbildung, die am individuellen Wissensstand punktgenau andockt und Menschen entlang ihres persönlichen Bedarfs qualifiziert. Früher konnten sich nur wenige Privatlehrer leisten. Heute haben wir ein gutes Bildungssystem für alle, aber recht große Klassen. Mit digitalen Hilfsmitteln ist beides möglich: Individuelle Bildung, die aber jedem, jederzeit und überall zugänglich ist. Das kommt der Chancengleichheit zu Gute.
Heißt das, jeder Auszubildende wird künftig von einem elektronischen Coach unterstützt?
Kagermann: Ja. Mit elektronisch unterstütztem Lernen können wir besser auf das Individuum eingehen. Es ist doch gut, wenn sich das Ausbildungssystem dem Einzelnen anpasst.
Da Elektronik auch immer etwas mit Datenspeicherung zu tun hat, werden die Lernleistungen und -ergebnisse gläsern.
Kagermann: Die digitalen Assistenten und Unterrichtssysteme müssen Lernprofile erfassen, nur so sind individualisierte Lerneinheiten möglich. Natürlich lässt sich potenziell auch auswerten, wer beispielsweise schneller oder langsamer lernt. Wie bei allen IT-Hilfsmitteln in der Arbeit müssen die Sozialpartner deshalb die richtige Balance zwischen dem Nutzen und dem Schutz individueller Daten aushandeln – deshalb ist es gut, dass wir in Deutschland die Debatte über Industrie 4.0 früh angestoßen und die Arbeitnehmervertreter von Beginn an einbezogen haben.
Wird durch Industrie 4.0 Chinas Volkswirtschaft noch schlagkräftiger?
Kagermann: Die ersten ausländischen Kontakte hatten wir bei Industrie 4.0 mit der chinesischen Academy of Science. Das war 2012. Nachdem wir bei dem Treffen unsere Zielvorstellungen geschildert hatten, sagten die chinesischen Wissenschaftler: Das brauchen wir auch. Inzwischen nutzen die Chinesen sogar den deutschen Begriff Industrie 4.0 – mit „ie“. In China gibt es einen riesigen Bedarf an dieser Thematik, aber neuerdings höre ich auch Sorgen.
Weil das Wirtschaftswachstum an Grenzen stößt?
Kagermann: China fühlt sich momentan in einer Sandwich-Position. Die Gehälter sind gestiegen – Billigproduktion wandert in andere asiatische Länder ab. Das bedroht Chinas Produktion von unten. Von oben fühlen sich dort viele durch die individualisierten Produktionsmöglichkeiten von Industrie 4.0 herausgefordert, die andere Volkswirtschaften – etwa die deutsche – dynamisieren. Nicht wenige chinesische Fachleute gestehen sich ein, dass die dortige Industrie eher bei 2.0 steht als bei 4.0. Deshalb würde man gerne von 2 auf 4 springen, was einen enormen Handlungsbedarf bedeutet.
Sie sind nicht nur Acatech-Präsident, sondern auch einer der drei Vorsitzenden der Nationalen Plattform Elektromobilität. Diese Plattform – und mit ihr die Bundesregierung – forderten 2011, dass bis 2020 eine Million Elektroautos in Deutschland zugelassen sind und Deutschland auf internationaler Ebene zum Leitanbieter wird. Daraus wird nun nichts. Ein Desaster?
Kagermann: Es war richtig, konkrete Ziele vorzugeben. Sonst wären wir heute nicht so weit gekommen. Zudem ist das Ziel nicht einkassiert: Die Regierung Merkel und auch die Nationale Plattform Elektromobilität stehen dazu. Erfreulicherweise hat die Bundesregierung Mitte 2016 mit dem Umweltbonus und dem flächenhaften Ausbau der Lade-Infrastruktur zwei zentrale Initiativen auf den Weg gebracht, die auf einen starken deutschen Markt für Elektrofahrzeuge abzielen. Entscheidend wird sein, was 2017 und 2018 bei den Zulassungen geschieht. Wenn ich anschaue, wie aktiv die Automobilkonzerne derzeit bei der Fahrzeugentwicklung sind, bin ich zuversichtlich. Auch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Nachfrage nach der Umweltprämie weiter anzieht. Elektroautos sind ganz besonders für gewerbliche Flottenbetreiber attraktiv. Es braucht jedoch etwas Vorlaufzeit, bevor sie elektrisch betriebene Dienstwagen beschaffen.
2016 war das Jahr der entscheidenden Weichenstellung in Deutschland?
Kagermann: Für mich war es ein sehr wichtiges – auch deshalb, weil die Konzerne neuerdings darüber reden, wie sich die Elektromobilität nach 2020 weiterentwickeln soll. Und wir sind bereits erfolgreich. In wichtigen Märkten wie den USA haben deutsche Automobilhersteller bei ihren Elektrofahrzeugen einen höheren Marktanteil als bei Dieselautos und Benzinern. In China haben wir das bisher nicht geschafft.
Was haben Sie durch das Ehrenamt bei Acatech dazugelernt?
Kagermann: Ich durfte vor allem viele Menschen treffen, die die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln bewegen wollen. Ich habe ein großes Spektrum an engagierten Leuten mit viel Knowhow kennengelernt – aus verschiedensten Richtungen der Wissenschaft, aus unterschiedlichsten Wirtschaftsbranchen, aus Gewerkschaften, Umweltverbänden und vielen anderen Bereichen. Das habe ich so in meiner Unternehmenszeit nicht erlebt. Ich habe das Amt bei Acatech auch deshalb angenommen, weil mir die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft Deutschlands am Herzen liegt. Nach meinem festen Glauben schaffen wir das nur durch Innovation. ■
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