Tomas Hedenborg, Group CEO, Fastems Oy Ab

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„Das Automationspotenzial in Deutschland ist gewaltig“

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In den vergangenen Jahren hat der finnische Automatisierungs-Spezialist Fastems sein Geschäft in Deutschland ausgebaut und gebündelt. Welche Marktpotenziale er im Werkzeugmaschinen-Bereich sieht und wie er das Zusammenwachsen von Automatisierung und Digitalisierung im Zeichen von Industrie 4.0 vorantreibt, erläutert Group CEO Tomas Hedenborg. Das Interview führte: Dr. Frank-Michael Kieß
mav: Mit der Automatisierung von Werkzeugmaschinen ist Fastems in einem wachsenden Markt aktiv. Wie beschreiben Sie die aktuelle Geschäftsentwicklung?
Hedenborg: In den vergangenen zwei Jahren sind wir ordentlich gewachsen, sowohl in Deutschland als auch global. Momentan ist der Trend leicht ansteigend. Allerdings verhalten sich die Märkte etwas nervös und abwartend, was auch mit den vielen politischen Unsicherheiten zusammenhängt.
Gibt es regionale Unterschiede?
Hedenborg: Größere Wachstumsraten haben wir in den vergangenen Jahren in den USA erzielt. Ein Trend zur Reindustrialisierung ist eindeutig sichtbar, und man setzt dabei viel stärker auf Automatisierung als in der Vergangenheit. Wir sind eng mit der Luftfahrtindustrie verknüpft, und dort gibt es ein solides Wachstum.
Wie sieht es mit der Automobilindustrie aus?
Hedenborg: Die Automobilindustrie ist ebenfalls ein wichtiger Wachstumsmarkt für uns, gerade in Europa und im deutschsprachigen Raum. Nicht zuletzt mit dem Erwerb von Pneumotec 2012 haben wir unsere Kundenbasis im Bereich der Automobilzulieferer verstärkt.
Und China?
Hedenborg: Wir haben rund 30 flexible Fertigungssysteme in China installiert. Das Land ist ein wichtiger Zukunftsmarkt für die Automatisierung – vor allem wegen der demografischen Entwicklung, die dort noch deutlich radikaler ausfällt als in Europa. Es wird einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geben. Nachbarländer wie Vietnam sind im Kommen, und China steht vor der Herausforderung, Wettbewerbsfähigkeit mit neuen Mitteln herzustellen, da man den Vorteil der niedrigen Lohnkosten allmählich verliert. Entsprechend betreibt die chinesische Regierung schon seit Jahren ein umfangreiches Programm, um den Robotereinsatz zu steigern.
Gerade aus der Robotikindustrie hört man immer wieder, die Werkzeugmaschinenbranche stehe in punkto Automatisierung eher noch am Anfang. Teilen Sie diese Einschätzung?
Hedenborg: Fastems beschäftigt sich seit bald 35 Jahren mit der Automatisierung von Werkzeugmaschinen. Aber wir teilen die Einschätzung, dass noch sehr viel Nachholbedarf besteht.
Woran liegt das?
Hedenborg: Meines Erachtens liegt das an zwei Faktoren: Die Werkzeugmaschinenhersteller haben eigentlich keine wirkliche Automatisierungsstrategie, und ihren Kunden mangelt es an Wissen und Bewusstsein dafür, weshalb sie diese auch nicht einfordern können.
Im Herbst 2016 ist vom deutschen Branchenverband VDW eine standardisierte Schnittstelle zur Anbindung von Robotern an Werkzeugmaschinen vorgestellt worden. Ist es nicht erstaunlich, dass das so lange gedauert hat?
Hedenborg: Ja, das kann man wohl sagen. Wir haben das wie gesagt schon einige Jahrzehnte gemacht, hatten auch lange die Fanuc-Vertretung für die skandinavischen und baltischen Länder. Mittlerweile treten wir als unabhängiger Integrator auf und binden auch alle anderen wichtigen Robotersysteme an. Zahlenmäßig sind jedoch Fanuc und Kuka führend bei uns.
2013 haben Sie sich mit dem deutschen Werkzeugmaschinen-Automatisierer Pneumotec verstärkt. Wie sind Sie jetzt in Deutschland aufgestellt?
Hedenborg: Nach einer gewissen Übergangszeit haben wir die deutschen Aktivitäten in der Fastems Systems GmbH mit Hauptsitz in Issum verschmolzen. Die Vertriebs- und Servicebüros sind in Göppingen angesiedelt, aber wir haben auch weitere Ressourcen in Deutschland und im deutschsprachigen Raum. Fastems Systems ist mittlerweile vollständig integriert in den Konzern, mit einer klaren thematischen Aufgabentrennung: Palettenbasierte Automatisierung, flexible Fertigungssysteme und Software sind im Stammhaus in Finnland konzentriert. In Issum kümmern wir uns um Werkstückautomatisierung und -handhabung, was mit Robotern und Portallösungen umgesetzt wird.
Ist der letztere Bereich neu hinzugekommen?
Hedenborg: Portallösungen haben wir auch früher schon realisiert. Aber diese klare Aufstellung, dass wir eine spezialisierte Truppe dafür haben, das ist neu. Es war eine bewusste Erweiterung unseres Portfolios.
Welchen Anteil an Ihrem Geschäft macht dieser Bereich aus?
Hedenborg: Palettenautomatisierung macht etwa 60 Prozent aus. 25 Prozent trägt die Werkstückhandhabung bei, der Rest sind Services.
Ist Deutschland ein spezieller Markt für den Einsatz von Automatisierung? Manche sagen, man sei rückständig im Vergleich zu anderen europäischen Regionen, etwa Skandinavien oder Holland...
Hedenborg: Rückständig ist vielleicht ein zu starkes Wort. Aber das Potenzial in Deutschland ist schon noch gewaltig. Ich hoffe, dass der Trend zu Industrie 4.0 das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Automatisierung stärken wird. Was hier vor einem oder zwei Jahren noch sehr abstrakt und hochtrabend diskutiert wurde, ist jetzt schon deutlich konkreter geworden.
Viele Hersteller verkaufen Automatisierung an sich schon als Industrie 4.0. Ist sie nicht eher die Voraussetzung dafür?
Hedenborg: Ja das ist so. Aber ich glaube wir können mit Recht behaupten, dass wir schon zu einem beachtlichen Teil Industrie-4.0-Lösungen umsetzen – auch wenn es noch großes Erweiterungspotenzial gibt. Ein großes Thema ist für uns ja die Verfügbarkeit. Unser Slogan ist 8760. Sprich: Mit unseren Automationslösungen helfen wir den Kunden, die 8760 Produktionsstunden, die es pro Jahr gibt, optimal auszuschöpfen. Wir statten daher schon seit 35 Jahren unsere Systeme mit Ferndiagnostik aus. Unsere Statistik zeigt, dass wir 85 Prozent der von Kunden gemeldeten Störfälle aus der Ferne lösen können, ohne dass ein Servicetechniker dafür zum Kunden kommen muss.
Der nächste Schritt wäre Predicitive Maintenance?
Hedenborg: Genau. In wenigen Jahren wollen wir auch 85 Prozent aller potenziellen Störfälle vermeiden, bevor sie überhaupt auftreten. Auf der Basis dessen, was wir schon an Technologie und Knowhow im Einsatz haben, ist das absolut realistisch.
Wie weit sind Sie bei der Anbindung an Logistik, Warenwirtschaftsssysteme, ERP?
Hedenborg: Unsere Software MMS5 macht heute eigentlich genau das. Sie bildet eine Art Zwischenschicht zwischen den Unternehmenssystemen und dem Shopfloor mit den Maschinen und anderen Ressourcen. Wir steuern Logistikflüsse, optimieren den Einsatz von Werkzeugmaschinen und Peripherie, in manchen Fällen steuern wir auch nachgeschaltete Prozessschritte wie Qualitätssicherung, Oberflächenbehandlung und Montage.
Das klingt nach der Funktionalität einer MES-Software...
Hedenborg: Es ist eine sehr spezialisierte MES-Software, mit spezifischen Eigenschaften für die spanende Fertigung.
Dinge, die in einem Standard-MES zu allgemein implementiert sind?
Hedenborg: Richtig. Wir decken zu mehr als 90 Prozent das ab, was im allgemeinen MES-Standard dokumentiert oder spezifiziert ist. Aber wir bieten eine Menge zusätzlicher Eigenschaften, die eng mit der spanenden Fertigung verknüpft sind. Dazu zählt ein über Jahrzehnte gesammeltes Wissen, wie alle Arten von Werkzeugmaschinen anzubinden sind.
Etwa so wie bei einem Windows, das bereits Treiber für sehr viele Hardwarekomponenten mitbringt?
Hedenborg: Ja, in der Art. Oder zumindest wissen wir, wie die Anbindung funktioniert. Es gibt nicht allzu viele Player am Markt, die diese Fülle an Knowhow haben.
In der Vergangenheit sind die Schnittstellen ja oft von den Herstellern gar nicht oder nur gegen Zusatzkosten herausgegeben worden. Hat das die Entwicklung erschwert?
Hedenborg: Auf jeden Fall. Da kommt natürlich der Endkunde mit ins Spiel. Wenn er eine klare Vorstellung hat, wie er automatisieren will, und diese auch artikulieren kann, dann hat der Maschinenhersteller kaum eine andere Wahl als mitzuspielen. Wir sehen da auch keinen großen Widerstand. Die Maschinenhersteller wollen ja in erster Linie ihre Maschinen verkaufen und dafür sorgen, dass ein optimales Ganzes daraus entsteht.
Was differenziert Ihre Lösungen von anderen? Gibt es eine Fastems-DNA?
Hedenborg: Ein wichtiger Punkt ist, dass wir ein unabhängiger Integrator sind. Und dass wir uns ganz bewusst in Richtung Software entwickelt haben. Das bedeutet nicht, dass wir die Hardwareseite vernachlässigen, aber im Kern der Umsetzung steht dann doch die Software, weil der größte Aufwand bei der maßgeschneiderten kundenadaptierten Lösung getrieben wird. Ich denke, diese Software-Fokussierung unterscheidet uns von vielen anderen Playern im Markt.
Wie verankert man einen solchen Softwarefokus im Unternehmen?
Hedenborg: Man muss umdenken. Denn die Prozesse in der digitalisierten Welt sind deutlich agiler und schnelllebiger, als wir dies bislang aus unserer konservativen Industriewelt kennen. Daher müssen wir unsere Arbeitsweise an dieser Agilität ausrichten und uns an die Geschwindigkeit der Softwarewelt anpassen.
Was bedeutet das konkret?
Hedenborg: Die neue, digitalisierte Welt entsteht nicht auf dem klassischen Weg. Es wird künftig nicht mehr so sein, dass man für einen konkreten Kundenbedarf eine Lösung entwickelt und diese dann perfekt ausfeilt, bis sie auf dem Markt vorgestellt wird. Die Entwicklungen müssen viel stärker in einem sehr engen Dialog mit den Kunden stattfinden. Sprich: Ideen müssen schnell in Prototypen umgesetzt werden, um dann in Pilotversuchen zusammen mit den Kunden zu überprüfen, ob man in dieser Richtung weitermarschieren will oder man besser eine andere Richtung einschlägt.
Ist der Softwarebereich eine Stärke der finnischen Industrie?
Hedenborg: Wir sind in Finnland in der glücklichen Lage, über sehr hochwertiges IT- und Software-Knowhow zu verfügen. Das hat viel zu tun mit dem Ökosystem, das sich um Nokia herum ausgebildet hat. Im Zuge der Umwälzungen dort sind viele Spezialisten in Richtung konventionelle Industrien abgewandert. Auch bei uns sind viele Ex-Nokia-Mitarbeiter.
Ein großes Thema im Industrie-4.0-Kontext sind Cloud-Plattformen für Industriekunden. Wie bringt sich Fastems dort ein?
Hedenborg: Weil es einfach eine Grundvoraussetzung ist, um digitalisierte Dienstleistungen und Ökosysteme aufzubauen, haben auch wir uns um einen Cloud-Service bemüht, der für uns geeignet ist. Zugleich haben wir hardwareseitig Connectivity-Lösungen entwickelt, mit denen wir in der Lage sind, große Datenmengen in Echtzeit hin- und her zu transportieren.
Welchen Hosting-Partner haben Sie gewählt?
Hedenborg: Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Serviceprovidern, die fertige Cloud-Lösungen anbieten. Wir haben uns für Thingworx von PTC entschieden. Das war für uns klar die Nummer eins, was Funktionalität und Möglichkeiten angeht.
Sie haben also umfangreiche Möglichkeiten, Daten aus der Fertigung zu sammeln und auszuwerten. Aber aktuell weiß keiner so recht, was man tatsächlich daraus gewinnen könnte. Was erhoffen Sie sich?
Hedenborg: Das ist wirklich Neuland für die meisten Firmen. Aber es ist ein Bereich, in den wir uns hineinbewegen. Und die Themen sind eigentlich immer dieselben: Liefersicherheit und Nutzungsgrad der teuren Investitionen. Es wird möglich sein, in Echtzeit Erkenntnisse aus der Datenanalyse zurück zu speisen und dann einen Regelkreis zu erzeugen. ■
Fastems GmbHwww.fastems.de
„In wenigen Jahren wollen wir 85 Prozent aller potenziellen Störfälle vermeiden, bevor sie überhaupt auftreten.“
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