Ralf-Michael Franke, CEO Industrial Automation Systems, Siemens AG

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Ralf-Michael Franke, CEO Industrial Automation Systems, Siemens AG

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Wer über digitale Fertigung redet, der hat vor allem eines im Sinn: einen durchgängigen Datenfluss in der Fabrik. Wie der Fertigungsbetrieb der Zukunft aussieht, welche Rolle betriebswirtschaftliche Standardsoftware darin spielt und was sich in der Unternehmensorganisation ändern muss, erläutert Ralf-Michael Franke, CEO Industrieal Automation Systems bei Siemens.

Das Interview führte Armin Barnitzke

mav: Wie sieht aus Ihrer Sicht die Fabrik der Zukunft aus?
Franke: Wenn Sie in der Zukunft in eine Fabrik reingehen, wird die genau so aussehen wie heute. Denn das, was sich an Durchgängigkeit beim Informationsfluss von der Produktentstehung über das Design und das Engineering der Produktionsumgebung bis zum Betrieb der Anlage verändert, das spielt sich alles hinter den Kulissen ab.
mav: Und was verändert sich dann in der Digitalen Fabrik?
Franke: Der wesentliche Punkt ist, dass wir in den Firmenorganisationen aus den funktionsorientierten Denkprozessen ausscheren und funktionsübergreifende Prozesse in den Vordergrund stellen müssen. Schon wenn ich beispielsweise ein Fahrzeug anfange zu designen, muss ich den Schulterschluss mit dem Produktionsplaner suchen, um die Fertigung und deren Automatisierung parallel vorantreiben zu können – also noch im Produktentstehungsprozess. Durch die Parallelität entsteht ein konsistentes Datenmodell. So kann ich Produktionsstätten als digitales Datenmodell verfügbar machen und dann mit diesen Datenmodellen auch die Kollaboration mit den Zulieferern besser unterstützen.
mav: Wo stehen wir auf dem Weg dorthin heute?
Franke: Wir befinden uns im Jahr eins oder zwei nach Beginn des Weges und haben insgesamt noch mindestens 25 Jahre vor uns. Bis die gerade beschriebene neue Art des Engineerings in der Digitalen Fabrik breit verwendet wird, wird es noch etwa sieben bis zehn Jahre dauern – je nach Industrie.
mav: Aber über die Digitale Fabrik wird schon lange gesprochen. Warum ist der Weg immer noch so lang?
Franke: Die Organisation in den Firmen und die Art der Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg müssen sich eben ändern: IT-Abteilung, Produkt- und Produktionsverantwortliche müssen künftig viel enger zusammenarbeiten. Und es gibt heute erst wenige Kunden, mit denen man hier auf Augenhöhe reden kann. Aber klar ist auch: Die Zeit dafür ist nun reif. Die Technologien sind heute da, um die nötige Performance für den Umgang mit den riesigen Datenmengen zu liefern.
mav: Und wie weit ist die technische Software-Infrastruktur schon gediehen?
Franke: Die Grundarchitektur haben wir in den vergangenen Jahren gelegt. Insofern sind wir – bezogen auf den Entwicklungsprozess der Digitalen Fabrik – schon im Jahr sieben oder acht. Die Grundarchitektur baut auf unseren großen Grundplattformen wie Teamcenter als globale und unternehmensweite Kollaborations- und Datenplattform auf. Darauf können Sie sich dann Lösungen wie das Engineering-System TIA Portal oder die CAD- und PLM-Lösung NX quasi als Plug-in vorstellen. Und bei der Integration dieser Plugins sind wir eben unterschiedlich weit. Bei NX ist das schon sehr weit fortgeschritten, auch beim TIA Portal sind wir schon recht weit, aber bei der Comos-Suite, die wir vor ein paar Jahren erst zugekauft haben, müssen wir eben noch einen längeren Weg gehen, bei dem die Kompatibilität mit der installierten Basis eine hohe Priorität haben wird.
mav: Welche Rolle spielt denn bei diesen Integrationsbemühungen die Software zur Fertigungssteuerung (MES)?
Franke: MES spielt als Runtime-Lösung der Fabrik in der Wertschöpfungskette eine sehr wichtige Rolle. Denn der größte Kostenblock einer Fabrik – etwa beim Energieverbrauch – entsteht ja während ihres Betriebs. Zudem brauchen die Kunden Informationssysteme, mit denen die Verantwortlichen jeden Tag die Produktivität beobachten und verbessern können. Unsere MES-Lösung Simatic IT hat daher genau die gleich große Bedeutung für die Produktion wie die Design-Software NX für den Produktentstehungsprozess.
mav: Klappt denn die Totally Integrated Automation eines Tages auch mit Lösungen von Rockwell, SAP, Mitsubishi und Co.?
Franke: Das wird uns von den Kunden mit Sicherheit abverlangt. Und tatsächlich haben wir heute sogar schon erste solcher Anfragen von global aufgestellten Kunden. Aber TIA ist eine offene Plattform, die auf offenen Standards basiert. Daher überlassen wir es unseren Kunden, ob sie mehr Vorteile in der Kombination verschiedener Hersteller sieht, oder auf TIA setzen – unsere Empfehlung ist klar.
mav: Gibt es denn neben den Hersteller-Standards auch richtige Industriestandards?
Franke: Es wird eine einheitliche Engineering-Sprache geben – Automation ML. Die wird momentan stark von der Automobilindustrie getrieben und soll genau einen solchen Kommunikationsstandard beschreiben, mit dem sich bis tief hinein in die Architekturen Daten austauschen lassen.
mav: Dringt also das Thema Software zukünftig noch viel stärker in die Fabriken ein?
Franke: Ja und nein. Wenn Sie heute in eine Fabrik hinein schauen, ist dort auch schon viel Software im Einsatz – die ganzen Fabriksteuerungsverfahren waren ja auch in der Vergangenheit nicht hart codiert. Aber eben mit proprietärer Software. Also der Alptraum eines jeden IT-Spezialisten, weil die Pflegbarkeit überhaupt nicht mehr gewährleistet ist. Die Fabrik-Manager wissen heute oft nicht, wenn ein Produkt ausfällt, wie sie es reparieren können – weil niemand mehr da ist, der weiß, was da programmiert wurde. Im Gegensatz dazu reden wir bei der Digitalen Fabrik über Standards, durchgängige Standards.
mav: Welche Rolle werden dann die klassischen IT-Schwergewichte wie SAP und Microsoft, Dell oder Cisco in Zukunft in der Fabrik spielen? Werden die das Feld aufrollen?
Franke: Da werden wir bei Siemens alles tun, damit das nicht passiert. Wir haben den Anspruch im Fabrikumfeld die führende Rolle zu spielen. Und wir können das im Gegensatz zu den IT-Größen auch, weil wir die Prozesse der Kunden kennen: Wir wissen, wie man Autos baut und wie man Bier braut, wir kennen die Prozessoptimierungsmöglichkeiten und auch die Sicherheitsrisiken. Das unterscheidet uns grundsätzlich von einem reinen IT-Unternehmen.
mav: An der Future Factory Initiative von SAP werden Sie sich also nicht beteiligen? Mitsubishi ist ja hier seit kurzem Partner?
Franke: Nein, daran werden wir uns nicht beteiligen, denn das ist für uns eine Konkurrenzveranstaltung.
mav: Mit der Durchgängigkeit in der Fabrik der Zukunft verschwinden ja auch die Grenzen, etwa zwischen Büro- und Fabriknetz. Und mit dieser Offenheit nehmen auch Sicherheitsrisiken zu. IT-Player wie Microsoft haben hier in der Vergangenheit ja schmerzliche Erfahrungen machen müssen und viel in sichere Softwareentwicklung investiert. Welchen Raum nimmt das Thema Sicherheit in Ihrer Softwareentwicklung ein?
Franke: Die Sicherheit spielt für uns eine Riesenrolle, schon seit wir Ethernet-basierte Systeme betreiben. Wir haben daher schon immer mit den wesentlichen Unternehmen für IT-Sicherheit kooperiert und Sicherheitsstandards aus der Office-Welt in unsere Simatic-Systeme eingebaut. Deswegen ist ja der Stuxnet-Angriff ohne Auswirkungen bei unseren Kunden ins Leere gelaufen. Diese Anstrengungen werden wir weiter fortführen und Neuerungen in der Office-Welt auch in der Fabrikwelt implementieren. Und wir müssen bei unseren Kunden noch mehr Training anbieten. Denn die Sensibilität gegenüber IT-Sicherheitsrisiken ist in der Fabrik bei Weitem noch nicht so hoch wie am PC. Dabei ist die Relevanz für die Security in der Fabrik noch viel höher. Denn wenn der PC bei Virenbefall eine halbe Stunde außer Betrieb ist, macht das zumeist nicht viel aus. Aber wenn die Fabrik eine halbe Stunde steht, gehen beispielsweise viele, viele Autos verloren. Richtig ist aber auch: Wir können mit der Automatisierung nur unseren Betrag leisten, das gesamte Security-Konzept muss von der IT-Abteilung kommen.
mav: In der IT-Welt wird derzeit auch viel über Cloud Computing geredet, also das Verlagern von Rechenaufgaben in die große Internet-Wolke. Ist das ein Thema für die digitale Fabrik?
Franke: Cloud Computing ist innerhalb der Unternehmen ja vielerorts schon Standard. Inwieweit man das nach draußen öffnet und welche Teile des Engineering dann in der Cloud laufen, hängt von den angebotenen Sicherheitsstandards ab. Cloud Computing ist ein nicht aufzuhaltendes Thema, aber wir werden dabei nicht die führende Position einnehmen.
„Die Digitale Fabrik sorgt für durchgängigen Datenfluss“

Zur Person

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Seit Dezember 2004 leitet Ralf-Michael Franke als CEO die Siemens-Geschäftseinheit Industrial Automation Systems. Seinen Einstieg bei Siemens fand er 1985 nach seinem Elektrotechnik-Studium in der Entwicklung für Antriebstechnik. Es folgten diverse Aufgaben im PLM-Prozess im Gerätewerk Erlangen. 1998 übernahm er die Leitung der Qualitätssicherung, 2000 die Koordination der geschäftsübergreifenden Entwicklung der Antriebsplattform Sinamics. Ab 2003 leitete Franke das top+ Unternehmensprogramm Innovation in München.
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