Werkzeugmaschinenhersteller und Automatisierer arbeiten an „Smart-Machinery“-Lösungen

Taiwan sieht großes Potenzial in der Digitalisierung

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Taiwan ist einer der größten Werkzeugmaschinenexporteure der Welt. Um diesen wichtigen Industriebereich fit für die Zukunft zu machen, setzten taiwanesische Werkzeugmaschinenhersteller und Zulieferer verstärkt auf Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung. Autor: Holger Röhr

Taiwan ist ein Inselstaat, dessen wirtschaftliche Stärke seit jeher vom Export abhängt ist. Neben der Display- und Halbleiterindustrie liefern die Werkzeugmaschinenhersteller und Komponenten-Zulieferer einen wichtigen Anteil am Gesamtexportvolumen des Landes. 2018 exportierte Taiwan Werkzeugmaschinen und Komponenten im Gesamtwert von 4,565 Milliarden US Dollar, was einer Steigerung von 8,28 % gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres entspricht.

Ganz überwiegend liegen die Maschinenhersteller und Zulieferbetriebe dabei in einem nur 60 km langen Streifen an der Westküste Taiwans.

So befinden sich im Großraum Taichung rund 1500 große Hersteller, darunter weltweit bekannte Unternehmen wie die Fair Friend Group (FFG), Hiwin, Victor Taichung, Chmer, Chum Power, Tongtai, YCM, APEC und viele weitere. Mehr als 50 % der taiwanesischen Werkzeugmaschinenhersteller sind in diesem Branchencluster angesiedelt. Das Netzwerk der im Cluster vertretenen Unternehmen erzielt starke Synergien in Bezug auf spezialisierte Arbeitsteilung, flexible Fertigung und Ressourcenteilung und ist zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil für Taiwans Werkzeugmaschinenindustrie geworden.

Leistungsfähige Zulieferbetriebe

Nicht wenige Hersteller konzentrieren sich bei eher geringer Fertigungstiefe vor allem auf das Engineering und die Montage der Maschinen. Das funktioniert auch deshalb ganz hervorragend, weil in unmittelbarer Nähe zu den Maschinenherstellern insgesamt über 10 000 Zulieferbetriebe beheimatet sind. Diese Betriebe sind in der Lage, sämtliche Schlüsselbauteile für Werkzeugmaschinen, von Antrieben über Führungen bis hin zu Spindeln und Maschinenbetten, in weltweit anerkannter Qualität und individuell nach Kundenwunsch zu liefern.

Smart Machinery statt Industrie 4.0

Schon lange haben viele taiwanesische Hersteller auch nach Europa und hier insbesondere auf den deutschen Markt geschaut, wenn es um die Entwicklung neuer Werkzeugmaschinen ging. Hohe Produktivität, Präzision und Zuverlässigkeit der Maschinen mit einem attraktiven Preis-Leistungsverhältnis zu verbinden, war dabei stets das Ziel.

Seit 2011 in Deutschland der Begriff Industrie 4.0 geprägt wurde, ist auch in Taiwan eine Menge Bewegung in die Branche gekommen. Unterstützt durch Initiativen von Regierung und Industrieverbänden, arbeiten Maschinenhersteller und Zulieferer daran, unter dem Begriff „Smart Machinery“ die taiwanesiche Version der Industrie 4.0 Wirklichkeit werden zu lassen.

Interessanterweise können die Hersteller dabei durchaus vom umfangreichen, bereits im Land vorhandenen Elektronik- und Halbleiter-Knowhow profitieren und die Vorteile der Nähe zu Taiwans IT- und Elektronik-Unternehmen nutzen, um eigene Entwicklungen voran zutreiben.

So startete die Regierung im Jahr 2016 den „5+2 Industrial Innovation Plan“, der darauf abzielt, Anwendungen und Lösungen für die intelligente Fertigung zu entwickeln, die auf einer Reihe von smarten Technologien basieren. Diese soll es dem Endanwender leicht machen solche Lösungen auch anzuwenden, um den Sektor in eine „intelligente Industrie“ zu verwandeln.

Herausforderungen anpacken

Wer sich bei taiwanesischen Maschinenherstellern vor Ort umschaut, merkt schnell, wie die Unternehmen mit Pragmatismus, aber auch mit großer Energie und ohne Berührungsängste auf die neuen Herausforderungen losmarschieren.

So erläutert Rebeccah Hsieh, Vice President Sales beim Werkzeugmaschinenhersteller Goodway ganz selbstbewußt, wie das Unternehmen die eigenentwickelten Steuerungsoberflächen der Werkzeugmaschinen mit smarten Funktionen aufgerüstet hat. Hsieh freut sich schon darauf, das Ergebnis auf der EMO der Weltöffentlichkeit vorstellen zu können. Auch wenn das Unternehmen bislang hierzulande wenig bekannt ist, gehören auch deutsche Anwender, wie zum Beispiel Mahle zu seinen Kunden.

Strategischer Partner

Beeindruckend ist auch der Besuch beim Zentrenhersteller APEC. Das Unternehmen mit Sitz in Taichung konzentriert sich mit seinen Hochleistungs-Bearbeitungszentren ganz auf die Luftfahrtindustrie. APEC Manager Matt Chang betont: „Wir sehen uns als strategischen Partner für unsere Kunden aus dem Luftfahrtbereich.“ Chang blickt optimistisch in die Zukunft: „Der Aerospace-Markt wächst stark und Aluminium wird auch in den nächsten 20 Jahren der wichtigste Werkstoff bleiben“, sagt er. Den Grund für den Einsatz von Industrie 4.0-Lösungen sieht er differenziert: „Aktuell setzten Firmen in Taiwan vor allem auf die Digitalisierung, um ihren Profit zu erhöhen. In Deutschland sehe ich den Grund eher darin, dass Fertiger sich einen Vorsprung vor dem Wettbewerb erarbeiten wollen oder dass sie ohne Big Data gar nicht mehr in der Lage sind, ihre große Variantenvielfalt wirtschaftlich zu bewältigen.“ Als Absatzmarkt für APEC-Maschinen sieht er Deutschland allerdings eher kritisch: „Unsere qualitativ hochwertigen Maschinen haben ihren Preis. In Deutschland fehlt hier bisweilen das Verständnis. Da wird Taiwan nicht selten direkt mit preisgünstig assoziiert.“

Leichter hat es da sicherlich der Maschinenhersteller Feeler, was den Marktzugang in Deutschland angeht. Als Mitglied der Fair Friend Group (FFG) kann er die Vertriebsstruktur des weltweit drittgrößten Werkzeugmaschinenherstellers nutzen. Bei einem Produktionsvolumen von 800 bis 1000 Maschinen im Jahr greift das Unternehmen auf Schlüsselkomponenten wie Spindeln, Drehtische und Werkzeugmagazine aus dem Konzern-Baukasten zurück. Aktuelle Entwicklungsschwerpunkte sind komplette, digitalisierte, roboterautomatisierte Fertigungslösungen. Im Focus hat das Unternehmen dabei auch neue Teile für die E-Mobilität wie Rotoren und Batteriegehäuse, erläutert Sales Director Andy Hung.

Automatisierung als integrativer Bestandteil

Auch bei anderen Herstellern wird die Automatisierung bei der Umsetzung intelligenter Fertigungslösungen immer wichtiger. Bereits in der Vergangenheit war Automation Bestandteil von Produktionskonzepten. Durch neue Anbieter im Markt, den Einsatz moderner Software und smarte Bedienkonzepte sinkt aber die Schwelle für den Einsatz von Robotern in der spanenden Fertigung auch in Taiwan immer weiter.

Getrieben wird diese Entwicklung nicht selten von Firmen mit Start-up-Charakter, wie zum Beispiel „Techman Robots“ aus Taoyuan. Firmengründer und CEO Haw Chen meint: „Wir müssen smarte Roboter einsetzen. Das heißt aus Sicht des Anwenders, der Einsatz muss sehr, sehr einfach und gleichzeitig absolut sicher sein. Vorkenntnisse sollten nicht erforderlich sein.“

Diese selbstgesteckten Ziele erreicht der Firmengründer durch die Entwicklung intelligenter, kollaborativer Roboter, die mittels integriertem Visionsystem und intelligenter Software gleichsam die Verbindung zwischen Aufgabe und Bediener herstellen. Das schnelle Wachstum des Unternehmens gibt dem smarten Firmengründer recht. Eine strategische Partnerschaft mit Omron soll helfen, in Zukunft noch schneller neue Kundenkreise zu erschließen.

Mit Komponenten weltweit erfolgreich

Schaut man einmal, wer hinter dem Erfolg vieler taiwanesischer Roboter- und Werkzeugmaschinenhersteller steht, stößt man auf Unternehmen wie Hiwin.

Die Hiwin Technologies Corporation ist ein taiwanesischer Konzern im Bereich Antriebstechnik. Aktuell steuert das Unternehmen mit fast 7000 Mitarbeitern auf einen Umsatz von einer Milliarde Euro zu. An den Produktionsstandorten von Hiwin werden die weltweit erfolgreichen Komponenten des Unternehmens mit einer außerordentlich hohen Fertigungstiefe produziert.

Um Werkzeugmaschinenhersteller auf dem Weg in die Industrie 4.0-Welt von Morgen zu begleiten, integriert Hiwin inzwischen unterschiedlichste Sensoren in Linearführungen, Kugelrollspindeln und andere Produkte, um vorausschauende Wartung und weitere datengetriebene Dienste zu ermöglichen.

Chancen durch Handelskrieg USA – China?

Was sonst noch überrascht? Die meisten der taiwanesischen Gesprächspartner reagieren betont gelassen auf den aktuellen Handelskonflikt zwischen den USA und China. Viele taiwanesische Unternehmen betreiben Produktionswerke in China und in Taiwan. Sollte sich durch hohe Strafzölle auf in China hergestellte Waren der Export von dort verteuern, dann könne man ja die nicht von den Zöllen betroffene Produktion in Taiwan stärker ausbauen und die in China entsprechend herunterfahren, so der allgemeine Tenor.

TAITRA Taiwan External Trade Development Council
https://taipei.taiwantrade.com
EMO Halle 9 Stand E08


Walter Yeh, President und CEO des Taiwan External Trade Development Council (TAITRA) Bild: Taitra

Taiwan bereitet sich auf großen EMO-Auftritt vor

Mit insgesamt 239 Ausstellern auf mehr als 17 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeigt das Land sein in den letzten Jahren umgesetztes Entwicklungspotenzial auf dem Gebiet der Smart Machinery und positioniert sich mit seinen High-Tech-Innovationen klar als Pendant zu den hiesigen Lösungen der Industrie 4.0 deutscher Maschinenhersteller.

Dabei liegt der Erfolg in erster Linie nicht in einem direkten Wettbewerb. Die Erfolgsformel lautet stattdessen: Kooperation und Zusammenarbeit mit deutschen Anbietern. Ein Imagetransfer von der Erfolgsmarke „Made in Germany“ könnte somit zukünftig die Wahrnehmung von „Made in Taiwan“ weiter verbessern. „Taiwan ist mittlerweile ein Partner auf Augenhöhe“, betont Walter Yeh, President und CEO des Taiwan External Trade Development Council (TAITRA) in Taipei.

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