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„Wir sind technikverliebt“

Lothar Horn, Geschäftsführer Paul Horn GmbH
„Wir sind technikverliebt“

Lothar Horn, Geschäftsführer Paul Horn GmbH
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Autor: Das Interview führte:

mav: Gerade auf der letztjährigen AMB hat man gesehen, dass die Paul Horn GmbH immer mehr ihr eigentliches Kerngebiet, die Bearbeitung zwischen zwei Flanken, verlässt. Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den neuen Produktklassen gemacht?

Horn: Wir sind bei den von uns traditionell angebotenen Verfahren, dem Einstechen, Abstechen und Nutfräsen weltweit die Nummer 1, und den Technologievorsprung, der uns diese Spitzenposition ermöglicht, werden wir auch in Zukunft weiter ausbauen. Wir sehen uns aber auch für viele Aufgaben im Hochtechnologiebereich als Lösungsanbieter. So haben wir vor vier bis fünf Jahren begonnen, ein Werkzeugsystem zum Hochvorschubfräsen und Hochvorschubdrehen zu entwickeln. Damit waren wir gleich sehr erfolgreich und konnten mit dem neuen System einen neuen Benchmark setzen.
mav: Neben diesem System bieten Sie neuerdings auch Werkzeuge zum Tangentialfräsen an. Wie viel Prozent des Umsatzes erzielen Sie mit den neuen Werkzeugserien?
Horn: Die Tangentialfräser sind ein völlig neues Produkt, dazu kann man momentan umsatztechnisch noch gar nichts sagen. Aber das Hochvorschubprogramm wird vom Markt gut angenommen. Mit diesem System machen wir trotz der relativ kurzen Zeit am Markt schon rund zwei Prozent des Gesamtumsatzes.
mav: Aber wie kommt man auf die Idee, gerade für eine so spezielle Anwendung eine Lösung bieten zu wollen?
Horn: Der Innovationsschub, sich nicht auf Bekanntes verlassen zu wollen, resultiert noch aus der Wirtschaftskrise 2009. In diesem Jahr brach bei uns der Umsatz auf 60 Prozent des Vorjahres ein. In dieser Stimmung, etwas ändern zu müssen und zu wollen, trat einer der genialen Köpfe aus unserer Entwicklungsabteilung mit der Idee an die Geschäftsführung heran, ein Hochvorschubprogramm zu entwickeln. Er war sich zudem sicher, dass es auch einen Markt für ein solches Produkt gibt. Natürlich ist das nur eine von vielen konkreten Ideen, die sich in dieser Zeit durchgesetzt haben. Schließlich führte die Summe der richtigen Entscheidungen dazu, dass wir vor vielen Mitbewerben bereits 2010 wieder den gleichen Umsatz wie 2008 erwirtschaftet haben.
mav: Sind sie mit den schrittweisen Erweiterungen auf dem Weg zum Vollsortimenter?
Horn: Oh, so weit in die Zukunft denken wir noch nicht. Generell gesagt sind wir einfach technikverliebt, und wir sind auch immer auf der Suche nach Lösungen, die einen echten Mehrwert für unsere Kunden bieten. Das Ziel Vollsortimenter zu werden ist bei uns auf keinen Fall ein strategisches Ziel. Man darf ja nicht vergessen, dass mit dem Anspruch, dem Kunden alles aus einer Hand bieten zu wollen, auch der Zwang entsteht, alles anbieten zu müssen.
mav: Sie haben schon einige Produkte mit Innenkühlung auf den Markt gebracht. Aber was dürfen wir beim Thema Kühlung von Horn in nächster Zeit noch erwarten?
Horn: Wir werden zum Beispiel unsere Serie der zweischneidigen Wendeschneidplatten mit innerer Kühlmittelzuführung erweitern, so dass wir bei den Schneidbreiten von 3 bis 10 Millimeter alles abdecken können. Momentan gibt es schon Lösungen für 3, 4 und 6 Millimeter. Neu für die Bearbeitung von anspruchsvollen Materialien ist die Idee der Hochdruckkühlung mit 300 bar. Wobei der Kühlmittelstrahl den Spanbruch unterstützt. Ob das Arbeiten mit Hochdruckkühlung möglich ist, hängt allerdings nicht nur vom Werkzeug, sondern auch vom Kühlaggregat und der Maschine selbst stark ab. Hier gibt es aber auch schon funktionierende Lösungen ab 80 bar Kühlmitteldruck.
mav: Der dreigeschossige Stand auf der AMB hat wahrlich für Furore gesorgt. Kam das Konzept bei den Besuchern ebenso gut an?
Horn: Als ich am ersten Messetag in einer eher ruhigen Minute mit einem Kunden erstmals auf die Terrasse im dritten Stock ging, bekamen wir dort schon keinen Platz mehr. Das zeigte mir, dass unser Konzept auch bei den Fachbesuchern ankam und sehr gut angenommen wurde. Wir haben den Messestand aber nicht ohne Grund so hoch gebaut – wir brauchten einfach mehr Platz, und den gibt es bis zur Fertigstellung der neuen Halle 10 eben nicht in der Fläche.
mav: Würden Sie den mit Ihrem Stand in die neue Halle umziehen, sofern Ihnen dort mehr Platz angeboten würde?
Horn: Dies wäre nicht unwahrscheinlich, auch gerade weil diese weitere Halle einmal Paul Horn Halle heißen wird. Aber wir bleiben in jedem Fall mit unserem Stand bei den Präzisionswerkzeugherstellern, und die sind momentan in den Hallen 1 und 2.
mav: Jetzt darf man ja auch nicht vergessen, dass Sie nicht nur stetig in neue Produkte investieren, sondern auch in die Prozesskette. Der weitest gehende Gedanke, den ich von Ihnen kenne ist, dass Sie mit einem Sprühturm ganz zu Beginn der Hartmetallproduktion einsteigen wollten. Sind die Pläne noch aktuell?
Horn: Ja, und die Idee ist noch nicht vom Tisch. So was kann man aber nicht von heute auf morgen umsetzen. Ich rechne mit einer Umsetzungsdauer von bis zu 10 Jahren. Zwei sind jetzt schon rum, 2022 wird also das Ganze in Angriff genommen. Eine solche Investition setzt allerdings ein gewisses Volumen voraus, um die Anlage wirtschaftlich betreiben zu können. Momentan entspräche dies etwa dem 2,8-fachen des heutigen Aufkommens beim Hartmetall.
mav: Sie haben auch bei der Hartmetallherstellung Ihre Technikverliebtheit unter Beweis gestellt. Sie setzen hier wie wahrscheinlich niemand anderes auf gleich vier Technologien und haben sich so einen deutlichen Vorsprung erarbeitet. Haben Sie eigentlich Befürchtungen, dass durch generative Verfahren dieser Vorsprung zunichte gemacht werden könnte?
Horn: Es ist richtig, dass wir wahrscheinlich einer der ganz wenigen sind, die mit den Verfahren Spritzgießen, Axialpressen, Dry-Bag-Pressen und Strangpressen auf ein sehr breites Angebot an Möglichkeiten zurückgreifen können, um innovative Lösungen zu gestalten. So wären unsere zweischneidigen Wendeschneidplatten mit innerer Kühlmittelzufuhr ohne diese Technologien nicht möglich. Selbstverständlich haben wir aber für etwa den Prototypenbau auch generative Fertigungsverfahren bei uns im Haus. Aber gerade beim Hartmetall erreicht man mit den generativen Verfahren nicht die Werkzeuggüte, die man mit konventionellen Technologien standardmäßig erzielt. Von daher denke ich nicht, dass beim Hartmetall zurzeit große Erfolge mit den generativen Verfahren erzielt werden können.
mav: In den letzten Jahren haben die galoppierenden Rohstoffpreise gerade auch beim Hartmetall die Werkzeugpreise in die Höhe getrieben. Hat sich der Markt mittlerweile beruhigt?
Horn: Der Preis für Ammoniumparawolframat (APT), der wichtigste Rohstoff für die Hartmetallproduktion, liegt seit Beginn diesen Jahres weitgehend stabil bei rund 350 US-Dollar pro Dry Metric Ton Unit, und so lange keine der momentanen Krisen virulent werden sollte, sollte dies auch erst mal so bleiben. Die Beruhigung des Rohstoffmarktes liegt dabei auch an der hohen Recyclingquote. Wobei das zu recycelnde Hartmetall vorwiegend chemisch in seine Ausgangselemente zerlegt wird, um daraus wieder sortenreine Hochleistungswerkstoffe gewinnen zu können. Dadurch reduziert sich wiederum die Nachfrage nach neuen Rohstoffen, und als Folge bleibt der Preis momentan zwar auf einem hohen Niveau, aber relativ stabil.
mav: Gibt es bei Ihnen auch Hartmetallprodukte für den Verschleißmarkt?
Horn: Ja, die haben wir seit kurzem ebenfalls im Angebot. Diese sind allerdings für hochwertige und anspruchsvolle Anwendungen. Zum Teil handelt es sich dabei um Einzelanfertigungen, bei denen auch unsere Schleiferei involviert ist. Es werden aber auch Serienverschleißteile von uns gefertigt. Unser größter Kunde ist momentan ein Automobilzulieferer, ein weiterer kommt aus dem Umfeld der Ölförderung. Wir fertigen dabei Hartmetallbauteile die Toleranzen im Bereich von Mikrometern haben, und dies auch bei Freiformflächen. Solche Toleranzen kann man nicht pressen oder sintern, die muss man in einem weiteren Arbeitsgang schleifen. Hierfür haben wir uns extra mit dem Zukauf von Messmaschinen in der Qualitätssicherung verstärkt.
mav: Sie sagen selbst, Sie sind ein Lösungsanbieter für viele Hochtechnologiethemen. Wie verkauft man ein solches Portfolio am besten?
Horn: Da gibt es für uns nur einen Weg, nämlich direkt im Gespräch mit dem Kunden. Wir vertreiben nur Hochleistungsprodukte, und die dahinterstehenden Versprechen muss man beim Kunden einlösen können. Dafür haben wir in den letzten Jahren kontinuierlich unsere Vertriebsmannschaft aufgestockt und können nun mit über 60 Mitarbeitern auch flächenmäßig den deutschen Markt komplett bedienen. Eine Zusammenarbeit mit einem Handelshaus würde in diesem Segment nicht funktionieren.
mav: In welche Zielbranchen verkaufen Sie Ihre Produkte?
Horn: Dass wir einen sehr starken Automobilfokus haben, hat man 2009 ganz deutlich gesehen. Automotive, allgemeiner Maschinenbau und deren Zulieferer machen sicherlich die Hälfte des Umsatzes aus. Danach kommen die weiteren für uns wichtigen Branchen Medizintechnik, Hydraulik und Pneumatik. Wobei die Medizintechnik mit einem Umsatzanteil von 15 Prozent und einer Wachstumsrate des Gesamtmarktes von 5 Prozent jährlich bei uns und allgemein gut läuft. Besonders interessant sind hier die Knochenschrauben aus Titan oder Bauteile aus Kobalt-Chrom-Legierungen. Diese stellen enorme Anforderungen an die Werkzeuge. Hierfür haben wir eigene Werkzeugsysteme mit eigenen Geometrien entwickelt und auf den Markt gebracht. Was mich immer wieder beeindruckt, sind die Stückzahlen der Medizintechnikunternehmen. Es gibt Betriebe, die nur Knochenschrauben herstellen – und dies in Stückzahlen, die auf den ersten Blick beinahe unwirklich erscheinen.
mav: Haben sich auch schon gesonderte Lösungen für die Ölindustrie im Angebot?
Horn: Lösungen für die Rohrbearbeitung, ob für Öl oder Gas, bieten wir schon seit Jahren. Hier ist besonders beim Gewinden eine enorme Genauigkeit gefordert. Das Besondere in dieser Branche sind die etlichen Normen oder firmeninternen Definitionen, die die ganze Sache sehr komplex machen. Nach meinem Kenntnisstand sind wir der einzige Werkzeughersteller, der vom API (American Petroleum Institute) zertifiziert ist. Geographisch gesehen rücken bei diesem Thema die USA als Hauptanwender unweigerlich in den Fokus. Und man muss schon sagen, die Vereinigten Staaten sind ein Land, von dem man aus wirtschaftlicher Sicht nur mit Freude berichtet. Dies sowohl bei den Investitionen als auch bei den Verbrauchszahlen.
mav: Machen Ihnen momentan noch andere Länder Freude?
Horn: Die Nummer 1 ist und bleibt für uns Deutschland. Und international an zweiter Stelle stehen schon die USA, dicht gefolgt von China. Im Land der Mitte sind zwar die Investitionen zurückgegangen, aber der Absatz dank des Werkzeugverschleißes ist immer noch sehr gut. In Europa laufen Frankreich, England und Ungarn weiter gut. Besonders das Hochvorschubfräsen verkauft sich in Frankreich in der Luft- und Raumfahrtindustrie sehr gut. Daher bin ich mir sicher, dass wir auch 2015 in Frankreich wieder wachsen werden.
mav: Sie haben auf die sehr gute Auftragslage schon reagiert und haben mit dem Bau eines Fertigungsgebäudes in direkter Nachbarschaft zu ihrem Stammsitz in Tübingen begonnen. Wofür ist der neue Produktionsort sein gedacht?
Horn: In das zweigeschossige Gebäude mit 12 000 m2 Produktionsfläche und 3000 m2 für Büro- und Sozialräume wird hauptsächlich die Trägerwerkzeugfertigung einziehen. Wir haben die Fertigung für diese Teile neu konzipiert und im gleichen Atemzug auch in neue Maschinen und neue Verfahren auch für größere Werkzeuge investiert. Zudem ziehen Teile der Beschichtung in den Neubau. Des Weiteren werden wir unsere Logistik völlig neu konzipieren, um dem gesteigerten Bedarf auch gerecht zu werden.
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