Die Werkbank der Welt wird Partner auf Augenhöhe

Großkunde als Investor

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In den letzten Jahrzehnten war China ein stetig wachsender Absatzmarkt und als Werkbank der Welt ein kostengünstiger Zulieferer. Inzwischen ist das Reich der Mitte in vielen Zukunftsbranchen der treibende Motor. China wird ein großer Kunde deutscher Unternehmen bleiben und entwickelt sich gleichzeitig immer mehr zu einem bedeutenden Wettbewerber, der mit eigenen Innovationen und technischem Wissen punktet.

Im vergangenen Jahr hat das Reich der Mitte seinen Spitzenplatz als größter Handelspartner Deutschlands verteidigt. In den letzten fünf Jahren ist der Außenhandel mit China um fast 30 % auf zuletzt 186 Milliarden Euro gewachsen. Trotz seiner überragenden Bedeutung hat der Wirtschaftspartner China in Deutschland eine erstaunlich schlechte Presse. Investitionen chinesischer Unternehmen führen regelmäßig zu einem Aufschrei der Empörung. Wenn etwa Geely sich an Daimler beteiligt, werden sofort finstere Hintergedanken unterstellt.

Dabei sollte man die Kirche im Dorf lassen. Nach Schätzung des Beratungsunternehmens EY haben Unternehmen aus der Volksrepublik China im vergangenen Jahr in Deutschland in 54 Fällen insgesamt 13,7 Milliarden US-Dollar für Akquisitionen ausgegeben. Dies entspricht einem Fünftel des Transaktionsvolumens, das alleine der deutsche Bayer-Konzern für die Übernahme des US-Unternehmens Monsanto veranschlagt.

Das Beispiel Daimler zeigt vor allem, wie sehr sich die Gewichte zwischen Deutschland und China verschoben haben. Die Daimler AG als Perle der deutschen Industrie hat einen Börsenwert von respektablen 80 Milliarden Dollar. Die größten chinesischen Unternehmen spielen inzwischen in einer anderen Liga. Der Spitzenreiter Tencent wird mit satten 500 Milliarden Dollar bewertet.

Von „Made in China“ zu „Created in China“

Vor drei Jahren gab der chinesische Premierminister Li Ke Qiang die Devise „Made in China 2025“ aus. In zehn Jahren sollte China technologisch auf breiter Front Weltniveau erreichen. Im laufenden Fünfjahresplan wird die dahinter stehende Strategie detailliert ausgeführt. Durchgängiges Leitmotiv ist die Innovation, von der Grundlagenforschung bis zum Aufbau chinesischer Weltmarken.

In der Vergangenheit war China berüchtigt für dreistes Kopieren. Inzwischen wird geistiges Eigentum in China nicht nur immer besser geschützt, sondern zunehmend im Land selbst entwickelt. Gerade in besonders zukunftsträchtigen Bereichen hat China nicht nur aufgeholt, sondern ist mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit auf die Überholspur gegangen: Unter den zehn größten Anbietern von Smartphones weltweit finden sich sieben chinesische Marken.

Internetgiganten wie Tencent, Alibaba und Baidu spielen in einer Liga mit Google und Facebook. Allein in Chongqing werden 40 % aller Laptops weltweit produziert. Shanghai, Peking oder Shenzhen sind kaum wiederzuerkennen. Wo vor wenigen Jahren noch schäbige Wohnblöcke oder Fabriken für Billigprodukte standen, sind hypermoderne Stadtviertel entstanden, die den führenden Metropolen der Welt in nichts nachstehen.

Getrieben wird diese atemberaubende Entwicklung durch enorme Investitionen. Mit zuletzt 45 % ist die volkswirtschaftliche Investitionsquote Chinas mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Der chinesische Staat investiert mit Macht in den Ausbau von Infrastruktur, Bildungswesen und Industrie. Dabei werden Ressourcen oft fehlgeleitet. Nicht jede Kleinstadt benötigt zwingend eine Anbindung an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn oder einen Großflughafen. Unter dem Strich wächst die Leistungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft aber rasant, gerade auch im direkten Vergleich zu Deutschland.

Zunehmender Wettbewerb in Kernbereichen

Dass Mobiltelefone und Fernsehgeräte fast ausschließlich in China hergestellt werden, wird als selbstverständlich hingenommen. In der Automobilindustrie und im Maschinenbau setzen aber nach wie vor deutsche Hersteller die Maßstäbe. Die hohe Abhängigkeit von diesen Branchen könnte jedoch durch den Trend zur Elektromobilität zum gefährlichen Klumpenrisiko werden.

Elektrisch angetriebene Fahrzeuge gehören in Shanghai oder Peking längst zum Straßenbild. Im vergangenen Jahr wurden in China bereits 777 000 „New Energy Vehicles“, kurz NEV verkauft. Angesichts von 25 Millionen konventionell angetriebenen Fahrzeugen nimmt sich diese Zahl bescheiden aus. Der Trend geht jedoch steil nach oben, und in China werden jetzt die Plätze verteilt in einem Zukunftsmarkt von überragender Bedeutung. Der bisherige Marktführer für Elektrofahrzeuge, BYD und der zweitplatzierte BAIC sind noch einigermaßen bekannt. Wer aber hat schon von „Zotye“ gehört oder gar von „WEY“? Unter den 20 führenden NEV-Modellen findet sich im vergangenen Jahr mit Ausnahme des E 100 von SAIC GM Wuling keine einzige ausländische Marke!

Wie groß die Herausforderung für die Global Player ist, zeigt die Zusammenarbeit von Volkswagen mit dem neuen Partner JAC (Jianghuai Automobile in Anhui). Wie die Zeitschrift „Auto Motor und Sport“ berichtet, baut das erste gemeinsam entwickelte Fahrzeug auf einem bestehenden Modell von JAC auf. Dass ein deutscher Autohersteller auf chinesische Technik angewiesen ist, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.

JAC stellt im Übrigen auch Elektrofahrzeuge unter eigener Marke her und ist Auftragsfertiger für das Start-up Unternehmen Next EV in Shanghai mit der Marke „nio“. Dessen Modell ES8 zielt mit voll elektrischem Antrieb und einer Batteriereichweite von über 350 Kilometern direkt auf den Wettbewerber Tesla. Im kommenden Monat werden die ersten Serienfahrzeuge ausgeliefert. Angeheizt durch eine aufwendige Marketingkampagne wurde der ES8 vorab bereits an 10 000 Kunden per Internet verkauft.

Das Geschäftsmodel von Next EV könnte zukunftsweisend sein: Finanziert durch Risikokapital milliardenschwerer chinesischer Investoren, wurde ein internationales Entwicklungsteam in Shanghai, Kalifornien und München auf die Beine gestellt, dem auch ehemalige BMW-Mitarbeiter angehören. Der ES8 ist praktisch ein Bausatz aus Komponenten renommierter Zulieferer, der durch externe Partner montiert wird. Das Automobilunternehmen wandelt sich so vom Hersteller zur Marketingmaschine.

Partnerschaft im Wandel

Technik aus Deutschland steht in China nach wie vor hoch im Kurs und wird mit Qualität und Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Die für Deutschland typische, gründliche technische Ausbildung wird bewundert, das Duale System ist in China ein Markenbegriff geworden. In Deutschland wird die „echte“ Industrie 4.0 verortet. Das hohe Ansehen von „made in Germany“ ist die Grundlage, auf der viele deutsche Unternehmen ein äußerst erfolgreiches Chinageschäft aufgebaut haben.

Inzwischen sind aber auch in China zahlreiche leistungsfähige Anbieter von Produktionstechnik entstanden. Diese finden sich nicht unbedingt unter den staatlich subventionierten, nationalen Champions. Es sind vor allem private Unternehmen wie der Marktführer für Spritzgussmaschinen, Haitian in Ningbo oder der Hersteller von Automationstechnik, STON Robot aus Changzhou. Wie in Deutschland entstehen Innovationen meist in einem mittelständischen Umfeld. Hier können auch exotische Ideen rasch in praktische Anwendungen umgesetzt werden. Ein schönes Beispiel dafür ist die Firma Dedibot, ein Hersteller von 3D-Druckern aus Hangzhou: auf die Idee, Drohnen für den Druck von großen Bauteilen einzusetzen, muss man erst einmal kommen!

Vom größten Wachstumsmarkt und kostengünstigen Zulieferer entwickelt sich das Reich der Mitte so zum treibenden Motor in vielen Zukunftsbranchen. China wird ein großer Kunde deutscher Unternehmen bleiben, mutiert aber gleichzeitig zu einem bedeutenden Wettbewerber, der mit eigenen Innovationen und technischem Wissen punktet – zu einem Partner auf Augenhöhe eben.


Der Autor

Christoph Hoene baut auf ein Vierteljahrhundert Vertriebs- und Führungserfahrung in Asien auf, davon mehr als die Hälfte in China. Als Dienstleister für Business Development in China mit den Branchenschwerpunkten Maschinenbau und Automotive, unterstützt die von ihm gegründete Unternehmensberatung Hoene Consult Unternehmen, die im Reich der Mitte Fuß fassen wollen. Zu den Kunden zählen u. a. Zerspanungsspezialisten wie Chiron, Emag, SW oder Mapal (http://hoene-consult.de).

Christoph Hoene (li.) im Kundengespräch in China. Bild: Hoene
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