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Uwe-Armin Ruttkamp, Leiter Machine Tool Systems bei Siemens, im Interview

Uwe-Armin Ruttkamp, Leiter Machine Tool Systems, Siemens AG
„Die CNC ist für Chips zuständig, die Edge für Bits“

Im Vorfeld der EMO 2019 hat Siemens mit dem Launch seiner „Digital-Native“-CNC Sinumerik One für Aufsehen gesorgt. Wie sich die Plattform seitdem entwickelt hat und welche Neuheiten rund um Steuerungstechnik, Digitalisierung und Automatisierung auf der diesjährigen EMO in Mailand im Fokus stehen, verrät der Leiter Machine Tool Systems, Uwe-Armin Ruttkamp. Das Interview führte: Dr. Frank-Michael Kieß

mav: Mit welchen Erwartungen fahren Sie zur EMO nach Mailand? Haben Ihnen die Präsenzmessen gefehlt?

Ruttkamp: Da die EMO nur alle zwei Jahre stattfindet, hat uns im Werkzeugmaschinenbereich mit der AMB letztendlich nur eine große Messe gefehlt. Von daher war es nicht ganz so dramatisch. Außerdem ändert sich wohl auch das Nutzerverhalten. Besucher, die einfach mal so auf die Messe fahren, um sich zu informieren, werden zunehmend weniger werden. Denn alle Informationen sind online verfügbar. Die Zeiten, in denen die Messe die einzige Informationsquelle für Neuheiten war, sind vorbei. Immer mehr gewinnt aber an Bedeutung, sich einfach mal wieder persönlich zu treffen und auszutauschen. Darauf freue ich mich und das hat mir auch gefehlt.

Wird die EMO einen Konjunkturimpuls setzen können?

Ruttkamp: Das wird sich noch zeigen. Aber nachdem wir im vergangenen halben bis ganzen Jahr einen sehr starken konjunkturellen Aufschwung speziell aus Asien erfahren haben, könnte die EMO jetzt für die europäische Werkzeugmaschinenindustrie eine Initialzündung liefern. Aber ich würde die Erwartungen noch nicht zu hoch schrauben.

Was steht bei Siemens im Messefokus?

Ruttkamp: Unser Messeauftritt steht unter dem Motto „Digitalization in Machine Tool Manufacturing – infinite opportunities from infinite data“. Wir werden die jeweiligen Optimierungsszenarien für beide Seiten darstellen. Für die Maschinenhersteller bedeutet das „Faster to the better machine“, für die Maschinenanwender gilt „Faster to the right workpiece“.

Wie erreichen Sie das?

Ruttkamp: Unser Konzept beschreibt den Produkt-Lifecycle. Das zu fertigende Teil beispielsweise durchläuft die drei Phasen Design, Realize und Optimize – und das zyklisch, um immer bessere Ergebnisse zu erzielen. Das Ganze findet sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt statt und führt somit zu einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess des Produkts und der Produktion in einer datengetriebenen Welt.

Welche thematischen Highlights setzen Sie auf der EMO?

Ruttkamp: Ein wesentliches Highlight ist unsere CNC-Steuerung Sinumerik One. Erstmalig auf der Messe werden wir die Sinumerik One NCU 1740 zeigen. Bisher hatten wir die NCU 1750 und 1760 – das Highend – und daneben auch die
PPU 1740 als integrierte Bildschirmausprägung der Sinumerik One im Programm. Jetzt runden wir das Portfolio mit der NCU 1740 nach unten ab und haben damit
ein noch besser skalierbares Angebot für alle Notwendigkeiten der verschiedenen Maschinenausrüstungen.

Gibt es bei der Sinumerik One weitere Neuerungen?

Ruttkamp: Neu ist das Sinumerik One MCP (Machine Control Panel) mit Powerride. Powerride haben wir auf der EMO 2019 als Studie gezeigt, dieses Mal stellen wir es nun als Produkt vor. Die Funktion ist in der neuesten Version von Sinumerik One integriert und verfügbar mit der Maschinensteuertafel – im Look and Feel der Bildschirme, passend zu den Bildschirmgrößen.

Was verbirgt sich hinter Powerride?

Ruttkamp: Powerride ist der Dreh-Drückschalter, als Nachfolger des Override. Sie können die Vorschubkontrolle softwaregesteuert durchführen. Das funktioniert als Endlos-Kreislauf, nicht mehr mit Anschlag links und rechts. Und Sie können den Start und den Stopp der Maschine mit dem gleichen Knopf durchführen. Ähnlich wie beim Idrive-Controller bei BMW – andere Autos haben Entsprechendes auch: Links und rechts beliebig drehen können und durch Drücken die Funktion ausführen. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, will nicht wieder zurück.

Also eine elegantere Bedienung, etwa beim Einfahren von Maschine oder Prozess?

Ruttkamp: Genau.

Es ist jetzt gut zwei Jahre her, dass Sie die Sinumerik One vorgestellt haben. Wie war die Resonanz seitdem? Wie schwer ist es, die Maschinenhersteller zum Umstieg auf die neue Plattform zu bewegen?

Ruttkamp: Die Markteinführung verlief erfolgreich. Aber man überschätzt oft die Wechselbereitschaft und die Haltekräfte am Bestehenden sind doch größer, als man denkt. Was wir jedoch sehen, ist, dass sich unglaublich viele Hersteller – in der Größenordnung 200 – mit der Sinumerik One auseinandergesetzt haben, Teil unserer Pilotphase waren oder auch direkt Kunden geworden sind. Und die allermeisten davon haben sich auch mit unserem digitalen Portfolio dahinter beschäftigt. Der zweite Effekt, auf den ich sehr stolz bin: Wenn ich mir anschaue, wie viele Hersteller mit der neuen Plattform Applikationen oder Maschinen entwickelt haben, die vorher nicht zu unserem Kundenstamm gezählt haben, dann ist das ein signifikanter Anteil. Es ist uns also gelungen, mit einer Neuheit am Markt auch neue Kunden, neue Maschinentypen zu adressieren. So haben wir etwa in den USA, einem Land, in dem wir uns immer schwertun, ganz hervorragende Stückzahlen erzielt. Das ist ein schöner Effekt und ein großer Erfolg von Sinumerik One.

Wie stark werden die Möglichkeiten, die der digitale Zwilling bietet, im Feld schon genutzt? Etwa die virtuelle Entwicklung und Inbetriebnahme …

Ruttkamp: Was die Maschinenerstellung betrifft, gehen fast alle unserer Felderfahrungs-, Pilot- und tatsächlichen Kunden diesen Weg der digitalen Kette, vornehmlich mit unserem virtuellen CNC-System Create MyVirtual Machine.

Gibt es denn auch Kunden, die die Sinumerik allein wegen der performanteren Hardware und des schönen Interface wählen?

Ruttkamp: Die gibt es sicherlich auch, es sind aber wenige.

Was gibt es Neues im Bereich Edge Computing?

Ruttkamp: Auch auf der Edge erweitern wir die Skalierbarkeit und zeigen das auf der Messe. Wir hatten bisher mit dem Simatic IPC227E als unserer Edge-Hardware eine aus der Mittelklasse gewählte IPC-Plattform und runden diese mit dem IPC 127E für einfachere Anwendungen nach unten ab – ebenso wie mit dem IPC427E nach oben, um Hochleistungsanforderungen noch besser erfüllen zu können.

Beim Edge Computing geht es ja darum, lokale Rechenpower an die Maschine zu bringen. Auch, um die CNC zu entlasten?

Ruttkamp: Ja. Die CNC ist für Chips zuständig und die Edge für Bits. Und das Ganze auch noch rückwirkungsfrei. Weil ich das CNC-Programm und auch das PLC-Programm natürlich nicht ändern möchte, wenn ich auf der Edge-Seite entsprechende Daten akquiriere oder mit deren Hilfe zusätzliche Dinge ansteuere. Brownfield-Applikationen sind ein ganz typischer Use Case für Edge-Systeme. Das haben wir auch weiter ausgebaut. Nicht allein mit den zwei neuen Hardware-Ausprägungen, sondern wir können jetzt auch an älteren Sinumerik-Systemen wie z. B. Sinumerik Powerline unser Edge-System betreiben. In dem Fall zwar nur mit niedrigem Datendurchsatz und nicht mit High Frequency Data – Letzteres würde auch ein High-Speed-Ethernet-Interface voraussetzen, das eine Powerline-Steuerung nicht hat. Aber trotzdem habe ich eine Menge Möglichkeiten, auch im Brownfield mit Edge-Applikationen zu arbeiten.

Werden schon viele Werkzeugmaschinen mit Edge-Device im Schaltschrank ausgeliefert oder steht das noch am Anfang?

Ruttkamp: Das steht noch am Anfang. Viele Hersteller sind in der Erprobungsphase. Manche fangen an, ihre Maschinen tatsächlich mit Edge-Systemen auszuliefern – auch wenn sie noch gar nicht wissen, was sie dann im Endeffekt damit machen werden. Ich finde, das ist genau der richtige Weg. Das Schöne bei Edge ist ja, dass ich die Applikationen auch später noch laden kann – dann entsprechend Cloud-gestützt – und nicht darauf angewiesen bin, zu dem Zeitpunkt, an dem ich ausliefern will, schon alle Anwendungen zur Verfügung zu haben.

Was hat sich im Bereich der Technologiefunktionen für die Sinumerik getan?

Ruttkamp: Wir haben jetzt Sinumerik Run MyRobot/Direct Control und Sinumerik Run MyRobot/Handling auch für die Sinumerik One verfügbar. Und auf der Messe werden wir mit dem Kunden Chiron zusammen einen Additive-Manufacturing-Use-Case zur Reparatur von Zahnrädern vorstellen. Damit zeigen wir, dass wir mit der Sinumerik One auch neue Bearbeitungstechnologien abdecken.

Was genau leistet Run MyRobot?

Ruttkamp: Run MyRobot ermöglicht es, dass eine Maschine, die von einer Sinumerik gesteuert wird, auch in der Lage ist, einen Roboterarm mit zu steuern. Die Sinumerik kann eine Bewegungsführung ja präziser als die Robotersteuerung durchführen. Und die Bedienung der CNC ist dem Werkzeugmaschinen-Benutzer schon bekannt. Wenn er also einen Roboter einsetzt – etwa als Handlingsystem für die Zu- oder Abführung von Material –, dann kann dieser direkt im Prozess integriert sein. Über Sinumerik Run MyRobot /Direct Control kann er den Roboter zudem auch als ausführendes Instrument, beispielsweise zum Fräsen, benutzen, indem ein entsprechender Fräskopf eingesetzt wird.

Die einfache Integration von Robotern scheint ein großes Thema zu sein. Sehen Sie im Werkzeugmaschinenbereich einen wachsenden Trend, die Roboterprogrammierung von der CNC aus zu erledigen?

Ruttkamp: Ja. Wenn der CNC-Programmierer einmal weiß, wie er mit Zyklen und Sätzen arbeitet, und der Roboter sich genau in dieses Konzept integriert, erleichtert ihm das die Arbeit. Wenn er sich dagegen erst in die Roboterprogrammierung eindenken muss, dann muss er sich mit zwei Systemen beschäftigen und diese auch warten. Alles in einem Prozess integriert zu haben und von den Kenntnissen zu profitieren, die er als CNC-Anwender hat, bietet ihm große Vorteile.

Werden alle Roboter gleichermaßen auf der Sinumerik unterstützt oder gibt es welche, bei denen es leichter geht als bei anderen?

Ruttkamp: Wir haben konkrete Kooperationen mit Comau und Mabi. Das setzt natürlich immer zweierlei voraus: Zum einen muss der Roboterhersteller auch bereit sein, mit uns zusammen in dieses Geschäftsmodell einzutreten. Denn die Robotersteuerung an sich wird dann nicht mehr benötigt. Das erfordert ein Umdenken beim Roboterhersteller. Zum anderen gibt es eine ganze Reihe von Parametern, die insbesondere auch die Präzision der Bearbeitung sehr stark beeinflussen. Diese müssen uns zur Verfügung gestellt werden, damit wir sie in Sinumerik oder in Run MyRobot integrieren können.

Grundsätzlich gibt es aber keine Roboter-Steuerungsaufgaben, die nicht auch die CNC übernehmen kann?

Ruttkamp: Nein, die gibt es im Kontext einer Werkzeugmaschine nicht.

Welche allgemeinen Trends im Werkzeugmaschinenbau nehmen Sie wahr? Wo liegen aktuell die Herausforderungen und Potenziale ?

Ruttkamp: Das Thema Automatisierung rund um die Werkzeugmaschine, etwa mit Hilfe von Robotik, erlangt immer mehr Bedeutung. Die E-Mobilität bedeutet auch für die Werkzeugmaschinenindustrie einen Strukturwandel. Die Art der Teile ändert sich. Der Kolben des Verbrennungsmotors beispielsweise ist eben nicht mehr das Bauteil, für das man eine Werkzeugmaschine vorrangig braucht, sondern vielleicht das Housing eines Batteriepacks. Es bleibt aber ein Metallteil, das zu bearbeiten ist. Allerdings verlagert sich der Bearbeitungsvorgang, vielleicht vom Fräsen zum Drehen oder zum Schleifen. Das sind verschiedene Trends, denen wir, so glauben wir, gut begegnen können – zum einen durch die Abbildung aller Bearbeitungstechnologien, zum anderen durch die Abrundung unseres
Portfolios nach unten, um mit der Sinumerik One auch weniger anspruchsvolle Applikationen zu erschließen.

Siemens AG
www.siemens.com
EMO Halle 7 Stand E06


Mit hybridem Konzept zur Messe

Für die EMO 2021 setzt Siemens auf ein hybrides Veranstaltungskonzept. Interessenten können die Lösungen des Automationsspezialisten ganz real am EMO-Messestand (Halle 7 Stand E06) in Mailand erleben. Oder sie besuchen online die parallel stattfindenden Siemens
Machine Tool Days (SMTD)
– Virtual Experience mit virtuellem Showroom, Auditorium
und Meet the Expert-Sessions. Weitere Infos finden Sie unter unter www.siemens.com/de/de/emo-messe.html

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