Joachim Zoll, Head of Machine Tool Systems, Siemens AG „Industrial Security kann man nicht von der Stange kaufen“

Joachim Zoll, Head of Machine Tool Systems, Siemens AG

„Industrial Security kann man nicht von der Stange kaufen“

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Vernetzung von Werkzeugmaschinen und IT-Integration rückt Siemens auf der AMB in den Fokus. Wohin die Entwicklung geht und mit welchen technologischen Ansätzen sich das Unternehmen der Vision von Industrie 4.0 nähert, erläutert der Leiter des Werkzeugmaschinenbereichs, Joachim Zoll.

Das Interview führte: Dr. Frank-Michael Kieß
mav: Wie hat sich Ihr Geschäft im abgelaufenen Jahr seit der EMO 2013 entwickelt, speziell im Bereich CNC. Gibt es Märkte oder Branchen, in denen Sie besonders zulegen konnten?

Zoll: In den wichtigen Endkundenbranchen wurden seit der EMO 2013 weiterhin große Erfolge erzielt. Im Bereich Automobil hat Siemens mit der Sinumerik einen Quasi-Standard gesetzt. Bei allen wichtigen Kunden konnten wir deutlich zulegen. In Aerospace oder Power Industrie konnten durch die Offenheit der Systeme neue technologische Anforderungen und Verfahren wie Composite-Bearbeitung, Additive Manufacturing oder Robotik-Anbindung umgesetzt und damit die hohen Anforderungen der Branche erfüllt werden. In allen wichtigen Projekten arbeiten wir mit den jeweiligen Technologieführern zusammen. Sinumerik in Verbindung mit Siemens Product Lifecycle Management bietet den Kunden neue Möglichkeiten in der Fertigungsautomatisierung.
mav: Vor einigen Jahren, zu Zeiten der Krise, haben Sie Ihr CNC-Portfolio nach unten erweitert, in letzter Zeit fokussiert sich Ihre Technologieentwicklung eher auf die High- end-Steuerungen. Spielt dort im Moment die Musik für Sie?
Zoll: Die Erweiterung des Portfolios stand nicht in Zusammenhang mit der Krise. Unser Ziel war es, angesichts der unterschiedlichen Anforderungen der Märkte weltweit unser Portfolio umfassend aufzustellen. Diesen Ansatz haben wir konsequent umgesetzt. Zuletzt haben wir zur EMO 2013 mit der Sinumerik 808D Advanced ein neues CNC-System für einfache Dreh- und Fräsmaschinen vorgestellt und so unser Angebotsspektrum zwischen der Sinumerik 808D für Einstiegsmaschinen und der Kompaktklasse Sinumerik 828D Basic abgerundet. Natürlich geht die Entwicklung auch im Highend-Segment weiter, etwa mit Blick auf das Thema Multitasking, oder ganz aktuell „Smart operation“. Unter diesem Begriff bieten wir neue Möglichkeiten, das direkte Umfeld der Maschine effizienter zu gestalten.
mav: Ihr großes Thema auf der AMB wird die Vernetzung von Werkzeugmaschinen mit übergeordneten IT-Systemen sein. Welche Herausforderungen gilt es auf diesem Weg zu lösen, und welches sind die Schlüsseltechnologien?
Zoll: Die Grundlagen haben wir bereits mit Lösungen wie etwa mit Sinumerik Integrate gelegt: der Software-Baukasten für die Produktion. Es gibt zahlreiche Kunden, die etwa Fertigungsprogramme, Werkzeuge und Auslastungen ihrer Werkzeugmaschinen zentral mit Hilfe überlagerter IT-Systeme verwalten.
mav: Auf der AMB soll die neue Version von Sinumerik Integrate for Production gezeigt werden. Welche Funktionen bringt diese?
Zoll: Ja, für die AMB bereiten wir weitere Features vor. Konkret wollen wir in Stuttgart ein weiteres Modul vorstellen, mit dem sich die Wartung der Werkzeugmaschinen vorausschauend planen und realisieren lässt.
mav: Gibt es weitere Neuentwicklungen, die Sie auf der AMB zeigen?
Zoll: Die diesjährige AMB wollen wir nutzen, um neben den angesprochenen Neuerungen beim Thema Software und IT-Anbindung aktuelle Entwicklungen bei Lösungen für die Werkstattebene, der Maschinenbedienung mit Multitouch Bedienpanels sowie bei der Integration von Robotern vorstellen.
mav: Industrie 4.0 ist ja seit geraumer Zeit das Hype-Thema, das nicht zuletzt auch Investoren anlocken soll. Sind die Zerspanungsmaschinenhersteller und ihre Kunden ebenso begeistert davon, oder eher genervt? Welche Rückmeldung bekommen Sie aus dem Markt?
Zoll: Hinter dem Begriff Industrie 4.0 verbirgt sich ein ganzes Bündel an Diskussionen. Aus unserer Sicht liefert die Debatte zweifellos wertvolle Anregungen. Man nehme nur die Durchgängigkeit von Kommunikation und Datenhaltung und die digitale Abbildung der Produktionsprozesse zum Zwecke der Simulation. Hier lassen sich schon heute handfeste Vorteile realisieren. Bei VW Wolfsburg haben wir beispielsweise die Transferpressen innoviert. Hier werden sämtliche Transferstationen direkt aus der Pressensimulation heraus parametriert, nachdem ihre Bewegungen in einer vorherigen Simulation optimiert wurden.
Aber auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen bringen die digitale Vernetzung und die simulationsgestützte Optimierung von Einzelprozessen viele Produktivitätsvorteile. So gehört in der spanenden Fertigung eine vom CAD-System bis zur Werkzeugmaschine digital durchgängige Prozesskette heute bereits zum Standard. Mit solchen Ansätzen lässt sich etwa die Time to market deutlich verkürzen.
mav: Wie wird sich die cyber-physische Welt von morgen in der Werkzeugmaschine widerspiegeln? Wie werden sich die Komponenten verändern, speziell auch die Steuerung?
Zoll: Maschinen und Anlagen werden jedenfalls auch zukünftig eine Steuerung benötigen. Ob wir letztlich eine stärkere Zentralisierung der Steuerungseinheiten oder eine Dezentralisierung der Intelligenz in der Fabrikhalle sehen werden, gilt es abzuwarten. Wahrscheinlich wird es je nach Anforderungen der unterschiedlichen Branchen oder aber auch abhängig von den jeweiligen Unternehmens-Philosophien unterschiedliche Ausprägungen geben. Beispielsweise kann man heute schon beobachten, dass es Unternehmen gibt, die dezidiert die IT-Integration und Vernetzung vorantreiben und andere, die an diesem Punkt eher zurückhaltend sind und eher die Optimierung einzelner Maschinen im Fokus haben.
mav: Seit längerer Zeit integriert Siemens seine Komponenten Zug um Zug in das TIA-Portal (Totally Integrated Automation). Wann ist die CNC dran?
Zoll: In der Tat bauen wir die Anzahl der Komponenten, die über das TIA Portal projektiert werden können, kontinuierlich aus. Es sind bereits zahlreiche Antriebskomponenten aus unserer Sinamics Umrichterfamilie integriert. Das TIA Portal ist jedoch primär für Automatisierungsprojekte für die klassische Fabrikautomation mit Simatic ausgelegt. Die Integration der Sinumerik-CNC ist daher keine kurzfristige Zielsetzung.
mav: Woran liegt es, dass die CNC-Bearbeitung noch nicht wirklich durchgängig integriert ist? Wenn ich etwa das CAD/CAM-System und die CNC von Siemens aus einer Hand habe, warum braucht man immer noch einen Postprozessor?
Zoll: Zum einen ist sowohl bei unseren CAD/CAM-Anwendungen als auch auf Seiten der Sinumerik die Offenheit der Systeme wichtig. Zum anderen ist die CAD/CAM-Software erst später durch eine Übernahme zu Siemens gekommen. Auf beiden Seiten gab es also eine Vielzahl von Bestandskunden und laufenden Applikationen, die nun sukzessive zusammengeführt werden. Integrated Engineering, also eine durchgängige Lösung von der Idee bis zum fertigen Programm, ist aber eines der zentralen Entwicklungsthemen, an dem wir derzeit arbeiten.
mav: Für den Datenaustausch in der vernetzten Fertigungswelt sind Cloud-Dienste prädestiniert. In Bereichen wie der Werkzeugverwaltung beginnen sie sich bereits durchzusetzen, andere Bereiche könnten folgen. Wie kann man dem Problem der Datensicherheit begegnen?
Zoll: Datensicherheit muss angesichts der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung und der damit einhergehenden Anzahl an Schnittstellen und eingesetzten Softwareprodukten von Fall zu Fall konkret beantwortet werden. Siemens hat ein umfangreiches Konzept zur Erhöhung der Industrial Security entwickelt, das das Thema ganzheitlich, angefangen beim Zugangsschutz, betrachtet. Industrial Security ist kein Produkt, das man von der Stange kaufen kann, sondern eine Managementaufgabe, die konsequent und nachhaltig umgesetzt werden muss. In diesem Kontext ist der Umgang mit der Cloud zu klären.
mav: Wie wirkt sich die angekündigte Restrukturierung bei Siemens mit definierten Wachstumsfeldern wie Automatisierung und Digitalisierung auf Ihren Bereich aus. Empfinden Sie das als eine Aufwertung?
Zoll: Das Industriegeschäft wurde seit jeher innerhalb der Siemens AG aufmerksam verfolgt. Sicherlich bringt die prägnante Beschreibung unserer Positionierung mit den drei Begriffen Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung auf den ersten Blick eine größere Präsenz für unsere Themen auch in der übergeordneten Kommunikation der Siemens AG. Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass dies die Treiber in allen Geschäftsbereichen des Unternehmens sind, also etwa auch in Bereichen wie Energie oder Gebäudetechnik.
Durch die Bündelung in eine Division „Digital Factory“ mit den Kernprodukten Simatic, Sinumerik und Product Life Cycle Management sind für uns wichtige Teile enger zusammengerückt, was mittelfristig weitere Vorteile und Chancen für unsere Kunden bringt.
Siemens AG www.siemens.com AMB Halle 4 Stand C12
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