Slowenien – Land mit langer Formenbautradition im Fokus auf der Moulding Expo

Werkzeugbau-Hotspot im Herzen Europas

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In keinem Land der Welt, abgesehen von Japan, arbeiten prozentual gesehen so viele Menschen im Werkzeug- und Formenbau wie in Slowenien. Die Branche hat dort eine lange Tradition, und die technologische Kompetenz ist beachtlich. Entsprechend bildet sie auch einen Schwerpunkt der Wirtschaftspolitik der kleinen Landes. Grund genug für die Macher der Stuttgarter Moulding Expo, den Standort heuer in den Fokus zu rücken. Dr. Frank-Michael Kieß

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Eines vorweg: die Billigheimer des Werkzeug- und Formenbaus sind sie nicht, die Slowenen – und das möchten sie auch nicht sein. „Unsere Lohnkosten liegen zwar immer noch unter denen der westeuropäischen Länder, aber der Unterschied ist nicht so groß“, erklärt Ales Hancic, Geschäftsführer des in Celje ansässigen slowenischen Entwicklungszentrums für Werkzeug- und Formenbau Tecos. „Unser Anspruch ist es, vergleichbare Qualität wie in Deutschland zu liefern, und das eben ein kleines bisschen günstiger.“

Der Werkzeugbau in Slowenien stützt sich auf eine lange Tradition, die weit in die Zeit der Donaumonarchie zurückreicht, und er zeichnet sich durch eine breite Wissensbasis aus. Selbst besitzt die Branche zwar nur einen geringen Anteil am Bruttoinlandsprodukt, schafft allerdings die Grundlage für einen Großteil der Verarbeitungsindustrie und besitzt daher eine hohe Bedeutung für die Wirtschaft des Landes. In der Studie „World of Tooling 2018“, die von der WBA Werkzeugbau Akademie und dem WZL der RWTH Aachen erstellt wurde, wird Slowenien von der Marktgröße her eher als klein eingestuft und rangiert unter den bedeutendesten Werkzeugbau-Nationen der Welt auf Platz 21. Die technologische Kompetenz sei jedoch überdurchschnittlich hoch – hier reiht man sich auf Platz 13 zwischen Ländern wie Tschechien und Polen ein.

Nach der allmählichen Erholung von der Weltwirtschaftskrise 2008 hat die Branche seit 2013 kräftige Wachstumsraten hingelegt. So ist die Werkzeugproduktion allein 2016 im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel auf 136 Millionen Euro gestiegen – davon entfielen 87,9 Millionen Euro auf Blech- und Umformwerkzeuge, 48,1 Millionen Euro auf Spritzgusswerkzeuge.

Hohe Werkzeugbauerdichte

Das alles geht nicht ohne qualifiziertes Personal. „In Slowenien arbeiten 3000 bis 3500 Menschen im Werkzeug und Formenbau“, berichtet Hancic. Pro Kopf weise das Land damit die größte Zahl an Werkzeugbauern in ganz Europa auf – und weltweit liege man auf Platz 2, gleich hinter in Japan. Rund 170 Unternehmen seien in der Branche aktiv, die einen Umsatz von geschätzten 400 Millionen Euro pro Jahr erwirtschafteten. Mehr als zwei Drittel davon würden im Export getätigt. „Der Werkzeug- und Formenbau ist eine der Schlüsselindustrien für Slowenien – auch weil er die Grundlage für viele weitere Arbeitsplätze schafft.“

Das bestätigt Dr. Peter Wostner, Government Office for Development and European Cohesion Policy in Slowenien: „Wir sind im Begriff, ein leistungsfähiges Ökosystem aufzubauen, in dem wir Produkte und Lösungen gemeinsam mit internationalen Partnern entwickeln – und der Werkzeug- und Formenbau ist eine unserer Prioritäten. Dabei bauen wir auf dem auf, was wir bereits haben.“ Mit Tecos verfüge man wir über einen Cluster, der aus dem Automotivebereich entstanden und schon seit 20 Jahren aktiv ist. Wostner sieht Anknüpfungspunkte zur deutschen Industrie-4.0-Initiative. „Als Deutschland begann, sein Cluster-Konzept voranzutreiben, hatten wir etwas Ähnliches auch schon. In Nischenmärkten wie dem Werkzeug- und Formenbau sind wir bereits führend, aber das muss durch Investitionen in IT ergänzt werden. Dafür wollen wir auf Regierungsebene einiges tun.“

Pluspunkt: Reaktionsschnelligkeit

Einer der wesentlichen Vorteile der slowenischen Werkzeug- und Formenbauer ist laut Hancic ihre Reaktionsschnelligkeit. „Wir achten sehr auf die Wünsche unserer Geschäftspartner und versuchen, ihnen in der kürzestmöglichen Zeit die höchstwertigen Werkzeuge zu liefern.“ Ein Problem sei der Mangel an Fachkräften, der ein schnelleres Wachstum behindere. Auch seien die meisten Firmen kleine und mittlere Unternehmen, die sich schwer täten, sehr große Aufträgen und umfangreiche Turnkey-Projekte zu stemmen. „Dafür müssen wir uns noch besser organisieren.“

Mit Tecos will Hancic dem entgegenwirken. „Wir wachsen zum größten slowenischen Cluster und zum wichtigsten Forschungszentrum für den Werkzeugbau und die Fertigungsindustrie. Wir wollen strategischer Partner und Problemlöser für kleine, mittlere und große Unternehmen sein.“ Dies umfasst viele Bereiche wie Engineering-Services, Forschung, Konstruktion, Simulation, Messtechnik und Trainingsangebote.

Einen Einblick in die slowenische Fertigungslandschaft bot eine Tour, welche die Veranstalter der Moulding Expo im März organisierten und an der rund 60 internationale Fachjournalisten, Messevertreter und Partner teilnahmen. Kleine Familienbetriebe finden sich in Slowenien, bunt gemischt mit Unternehmen, die traditionell großen
Maschinenbaukonzernen wie Gorenje oder Kolektor zuarbeiten. Für die erste Kategorie steht der Werkzeugbau Bizjan. Der 1982
gegründete Familienbetrieb, gelegen in der Ortschaft Dobrova unweit von Ljubljana, wird seit 1993 in zweiter Generation von Robert Bizjan geführt und beschäftigt zwölf Mitarbeiter. Das Unternehmen stellt Kunststoff-Spritzguss- sowie Blasformwerkzeuge her und erbringt Dienstleistungen in den Bereichen CNC-Fräsen und -Drehen, Draht- und Senkerodieren sowie Erodierbohren. Rund 50 % der Produkte gehen in den
Export, hauptsächlich nach Deutschland, Frankreich und in die Niederlande. Ein wichtiger Abnehmer ist die Getränkeindustrie, für die Bizjan Formen für Behältnisse aus Glas und PET liefert.

Für Fräsarbeiten setzt das Unternehmen unter anderem ein fünfachsiges sowie zwei dreiachsige Vertikal-Bearbeitungszentren von Okuma ein. Konstruiert wird mit Solidworks, die CAM-Programmierung übernimmt Mastercam. Auch eine Senkerodier- und drei Drahterodiermaschinen, darunter zwei Fanuc Robocut, stehen bereit. Das 5-Achs-Fräsen übernehme dabei zunehmend Aufgaben der älteren EDM, merkt Robert Bizjan an.

Langjährige Erfahrung, hohe technologische Standards bei Maschinen und Software sowie qualifizierte Mitarbeiter sind die Pluspunkte, mit denen Bizjan Top-Qualität sicherstellen will. „Die technische Ausbildung ist sehr wichtig“, betont Robert Bizjan – und natürlich ist diese nicht immer leicht zu bekommen. Deshalb arbeitet auch Bizjan mit dem Technologiezentrum Tecos zusammen, etwa für die Simulation des Strömungsverhaltens in den Formen.

Ein Vertreter der größeren Kategorie ist in Idrija zu finden, etwa eine Autostunde westlich von Ljubljana in den Bergen. Der Kolektor Toolshop ist Teil des über 50 Jahre alten Kolektor-Konzerns. Letzterer stellt Elektronikkomponenten und Anlagen her, unter anderem als Tier-2-Zulieferer für die Automobilindustrie, unterhält 34 Unternehmen weltweit, beschäftigt insgesamt rund 5000 Mitarbeiter und hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 770 Millionen Euro getätigt. „Kolektor Toolshop ist eines der größten Werkzeugbauunternehmen in Sloweninen“, berichtet Geschäftsführer Robert Cerin. „Wir beschäftigen hier 215 Mitarbeiter und haben 2018 einen Umsatz von mehr rund 22 Millionen Euro erzielt.“

Kolektor Toolshop stellt anspruchsvolle Spitzgusswerkzeuge sowie präzise Schneid- , Biege- und Umformwerkzeuge her. Daneben werden in Idrija Automationslinien für die Fertigungsindustrie, Sondermaschinen und Vision-Systeme entwickelt. Zu den größten internationalen Kunden gehören Mahle und Continental. „20 bis 30 % unserer Produkte gehen an externe Kunden“, erläutert Cerin. Entsprechend hat man sich den weiterem Ausbau des externen Geschäfts auf die Fahnen geschrieben und will im EU-Markt wachsen. Zu diesem Zweck baut die Konzerntochter einen eigenen Sales- und Marketingbereich auf. Und auf der Moulding
Expo ist Kolektor mit den Partnern Sprit, der Entwicklungsagentur der Regierung,
sowie Tecos am Start, um seine Kompetenz zu zeigen und die internationale Vernetzung voranzutreiben.

Tecos
www.tecos.si

Bizjan Orodjarstvo d.o.o.
www.bizjan-orodjarstvo.si

Kolektor Orodjarna d.o.o.
www.kolektor.com


„Werkzeug & Modell & Form & Du“ – anlässlich eines Presse-Events in Ljubljana präsentierten Vertreter des Messeteams und Partner das Motto der Moulding Expo 2019 in leuchtendem Orange. Bild: Wort und Form

Moulding Expo versammelt Formenbauer

Vom 21. bis zum 24. Mai 2019 treffen sich Werkzeug-, Modell- und Formenbauer auf der Moulding Expo in Stuttgart. Rund 700 Aussteller werden in diesem Jahr erwartet – mehr als ein Drittel davon aus dem Ausland. „Auch für die slowenischen Werkzeugbauer ist die Messe die wichtigste Veranstaltung der Branche“, sagt Ales Hancic, Geschäftsführer Tecos „Vor allem für den Spritzgussbereich in Europa ist sie ein Pflichttermin.“ Selbstverständlich seien auch slowenische Unternehmen als Aussteller in Stuttgart dabei, etwa am Gemeinschaftsstand von Spirit Slovenia mit sieben beteiligten Firmen. „Wer nicht ausstellt, kommt als Besucher auf die Messe“, sagt Hancic. Die Slowenen suchen neue Kunden oder Partner für langfristige Kooperationen. „Die Betriebe in Europa wachsen zusammen. Einige der deutschen Werkzeugmacher lassen Werkstücke in Slowenien herstellen, manchmal ganze Formen.“ Werkzeugmacher seien in den letzten Jahren kommunikativer geworden. „Wir reden mehr miteinander, auch über die nationalen Grenzen hinweg. Dafür ist die Moulding Expo der perfekte Ort.“



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