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„Automatisieren ist das Gebot der Stunde“

Bert Kleinmann, Geschäftsführer, Matsuura Machinery GmbH
„Automatisieren ist das Gebot der Stunde“

Mit neuen 5-Achs-Maschinen und smarten Automationslösungen hat Matsuura die beherrschenden Trends auf der Jimtof 2018 in Tokio reflektiert. Woher die Nachfrage kommt und wohin die technologische Entwicklung geht, darüber haben wir mit Deutschland-Geschäftsführer Bert Kleinmann auf der Messe gesprochen. Das Interview führte: Dr. Frank-Michael Kieß

mav: Wenn Sie die Trends auf der Jimtof 2018 betrachten, welche Technologien waren besonders gefragt?

Kleinmann: Ungebrochen steigt die Nachfrage nach 5-Achs-Technologie, auch in Japan. Ein ganz großes Thema ist auch die Automation. Haben wir vor einigen Jahren noch über den Fachkräftemangel in den hoch industrialisierten Staaten gesprochen, so hat das Ganze inzwischen eine globale Breite angenommen, und es ist auch hier ein viel diskutierter Punkt. Somit sind alle Aspekte der Automatisierung von hohem Interesse – Palettenautomatisierung, Teileautomatisierung, je nach Anforderung und Losgrößen, je nach Werkstücken und Prozess sehen wir eine hohe Nachfrage nach mannarmem und mannlosem Betrieb. Das ist im Moment das Gebot der Stunde: Automatisieren, in welcher Form auch immer.

Matsuura ist da gut aufgestellt?

Kleinmann: Wir sind seit Jahrzehnten in der Palettenautomatisierung erfolgreich. Aber auch wir müssen uns dem ausdifferenzierten Markt der Automatisierung und den Anforderungen stellen. Das bedeutet ein erhöhtes Interesse an Roboterautomatisierung, und da gibt es eine Menge neuer Herausforderungen für uns, auch bei kleinen und mittleren Betrieben. Auch in unseren angestammten Marktsegmenten Maschinenbau, Luftfahrt, Feinmechanik, Optik gibt es ein zwingendes Erfordernis zur Automatisierung. Die Programmierung von Robotern wird immer einfacher und sicherer, und die Handhabungstechnik immer intelligenter. Das führt dazu, dass auch die Automatisierung relativ kleiner Losgrößen bei wechselnden Anforderungen immer interessanter wird.

Die Integration und das Teachen von Robotern wird besser unterstützt als in der Vergangenheit?

Kleinmann: Natürlich wird das Teachen immer besser unterstützt. Da sehen wir einen Markt von einfachsten Anforderungen bis hin zu komplexesten Anforderungen mit sehr wechselnder Teilestruktur. Das ist alles mehr oder weniger lösbar. Dir Frage ist, wie wirtschaftlich es ist. Aber der Zwang, sich in diese Richtung zu begeben, ist bei allen Kunden und in allen Regionen und Marktsegmenten hoch.

Welcher Anteil der Maschinen, die Sie ausliefern, ist denn automatisiert?

Kleinmann: Das können wir schwer messen, weil wir in großen Teilen der Welt einen dezentralen Vertrieb haben. Regionale Vertriebspartner nehmen ihrerseits kundenspezifische Automatisierungen vor und viele Kunden automatisieren selbst im Zuge eines Retrofit. Wir bereiten heutzutage nahezu jede Maschine in Bezug auf Schnittstellen zur Teileautomatisierung vor. Und die Palettenautomatisierung machen wir seit Jahrzehnten, da würde ich sagen, in Europa gehen fast die Hälfte der Maschinen so in den Markt. Darunter viele einfache, smarte Palettenautomatisierungen mit kleinen Palettenspeichern, die sehr übersichtlich angeordnet sind, die wenig komplex in der Handhabung sind und die vom Preis-Leistungs-Verhältnis in einem Gefüge liegen, in dem wir bislang nicht nicht so intensiv im Markt vertreten waren. Auch kleinste Unternehmen wenden sich solchen Lösungen zu, die in puncto Palettenmanagement und Arbeitsvorbereitung noch relativ übersichtlich sind und so auch in relativ einfache Fertigungsstrukturen integriert werden können.

Das heißt, die Einstiegshürde ist niedriger geworden?

Kleinmann: Wir haben die Einstiegshürde für Palettenautomatisierung in unserem Produktportfolio deutlich nach unten gezogen. Das ist für die japanischen Fertigungsunternehmen wichtig, aber auch für alle
anderen. Bei einfachen, smarten Palettenautomatisierungen an dafür vorbereiteten 5-Achs-Maschinen sehen wir im Moment die größte Wachstumsdynamik.

Welche Rolle spielte das Thema Internet of Things (IoT) auf der Messe?

Kleinmann: Die Prozesse in der Maschine, den Bearbeitungsprozess und die Bearbeitungsparameter zu erfassen und daraus Schlüsse zu ziehen, war ein ganz wesentliches Thema. Das andere Thema war die Fertigungssteuerung sowie das Entnehmen von Daten aus den einzelnen Maschinen, um die Fertigung organisieren und planen zu können.

Viele Hersteller bieten hier Konnektorboxen zum Anschluss der Maschinen ans Netz an. Sie auch?

Kleinmann: Natürlich. Wir stützen uns dabei stark auf unseren Partner Fanuc, der das technisch ermöglicht, aber auch eine Cloud organisiert, der man Vertrauen schenken kann und die hinreichend sicher ist. Hier in Japan ist Fanuc damit schon in der Lage, IoT vollumfänglich anzubieten. In Europa müssen wir noch etwas warten, bis die Cloud entsprechend vorbereitet ist.

Fanuc hat mit Field ja ein sehr weit reichendes IoT-Konzept entwickelt, mit
Edge-Rechnern an der Maschine und weiteren Netzwerkschichten darüber. Inwieweit gehen Sie das mit?

Kleinmann: Ich denke, da reden die Kunden noch ein Wörtchen mit. Nicht alle wollen, dass ein externes Unternehmen Zugang zu ihrem Netzwerk erhält, und viele wollen
ihre Daten nicht in die Cloud geben.

Wird die Bereitschaft steigen, wenn man mehr positive Effekte sieht?

Kleinmann: Das denke ich schon. Aber dennoch glaube ich, dass Fertigungstechnologie ein hohes ideelles und technisches Gut eines Unternehmens ist, mit dem man sehr vorsichtig umgehen wird.

Auf der AMB im Herbst hat der deutsche Werkzeugmaschinenverband VDW die Datenschnittstelle Umati lanciert. Hier in Tokio war das kaum ein Thema – im Gegensatz zu MT Connect, wie schon vor zwei Jahren …

Kleinmann: Mein Zugang zu Aktivitäten des VDW ist eingeschränkt. MT Connect ist eine Schnittstelle, die vor allem in den USA sehr bedeutsam ist. Und da die meisten japanischen Werkzeugmaschinenhersteller eine relativ hohe Exportquote in die USA haben, auch wir, ist die Adaptierung dieser Schnittstelle zwingend erforderlich, für die meisten exportorientierten japanischen Werkzeugmaschinenhersteller.

Also wird es ein Stück weit vom deutschen Markt abhängen, inwieweit sich die japanischen Hersteller dem VDW-Standard zuwenden?

Kleinmann: Ja, das wird man sehen.

Immerhin war Fanuc als unterstützender Partner mit im Boot …

Kleinmann: Wer rund 300 000 Steuerungen im Jahr baut, der sollte dabei sein. Oder andersherum gesagt, man sollte nicht vorpreschen, ohne den größten Player in diesem Bereich mitgenommen zu haben. Wir reden ja nicht nur von Steuerungen, sondern auch von Robotik und Automation. Und da sollte Fanuc nicht außen vor bleiben.

Gab es weitere signifikante Trends auf der Messe? Additive Fertigung etwa …?

Kleinmann: Ich habe hier weit weniger zu additiver Fertigung gesehen als in Europa.

Auf der IMTS in Chicago war das ja ein starkes Thema. Warum hier nicht so sehr?

Kleinmann: Dort stehen andere Märkte im Vordergrund. Medizintechnik, Hightech oder Luft- und Raumfahrttechnik sind dort wichtigere Marktsegmente. Da gibt es aus unserer Sicht im Moment große Impulse. In Japan sehe ich das aktuell nicht so sehr als Trend. Und auch unsere Zahlen in Japan bestätigen das. Wir haben Zuwächse, aber die sind nicht exponentiell, sondern moderat.

In Japan gibt es viele Hersteller, die Hybridmaschinen bauen, zu denen auch Matsuura zählt. Aber es gibt kaum hochrangige Spezialisten für 3D-Metalldrucker. Woher kommt das?

Kleinmann: Das kann ich Ihnen auch nicht genau sagen. Es ist aber auf jeden Fall so, ich stelle das auch fest.

Wie hat sich ihre Lumex-Technologie, die additive Fertigung im Pulverbett und 5-Achs-Fräsbearbeitung kombiniert, in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt?

Kleinmann: Wir haben nach wie vor die größten Erfolge im Bereich Werkzeug- und Formenbau. Alle anderen Segmente – Teilebearbeitung, Medizintechnik, Luftfahrt – bedürfen einer gemeinsamen Verfahrensentwicklung mit den Kunden. Das ist eine
langwierige Angelegenheit. Die Integration in eine Zerspanungsprozesskette ist eine schwierige Aufgabe.

Haben Sie auch in Wiesbaden entsprechende Kompetenz aufgebaut?

Kleinmann: Wir haben ein kleines Kompetenzzentrum aufgebaut, haben solche Maschinen in unserem Technologiezentrum, machen dort Versuche und entwickeln Verfahren. Wobei wir uns auch in Europa in erster Linie an den Werkzeug- und Formenbau wenden, weil wir dort ganz klar die Wirtschaftlichkeit sehen und die Technologie auch relativ allgemein zugänglich machen können. Wir fokussieren dabei auf Kunden, die die gesamte Prozesskette von der Konstruktion eines Werkzeugs bis zum Spritzprozess abbilden können.

Wo liegen die Vorteile?

Kleinmann: Wir können die Kühlung frei gestalten und Porosität variieren. Das erhöht die Standzeit des Werkzeugs und verkürzt die Zykluszeit beim Spritzgießen. Der gesamte Prozess von der Konstruktion bis zum Produkt kann dramatisch verkürzt werden.

Für welche Anwendungen ist das Hybridverfahren letztendlich interessant?

Kleinmann: Die Anforderung besteht immer in einer Qualität im Innern eines Teils, in einer Kontur, einer Oberflächenqualität, die sonst nicht erzeugt werden kann, oder in einer Genauigkeit, die noch nicht erzeugt werden kann.

Wie stellen Sie die Partikelsauberkeit sicher? Ist das ein Thema?

Kleinmann: Im Hinblick auf die Prozesssicherheit ist das ein Riesenthema. Es gibt unterschiedliche technische Möglichkeiten, das zu überprüfen – bis hin zur fotografischen Erfassung eines jeden Layers. Sie können das komplett dokumentieren und speichern. Die Partikelreinheit wird durch verschiedene Maßnahmen wie Partikelabsaugung und 2-Klingen-Beschichtersystem gewährleistet, und wir recyceln das Pulver. Wir wenden in diesem Bereich auch einen permanenten Luftzug an, und auch eine gewisse Geschwindigkeit. Die muss hoch genug sein, dass die Partikel weggeblasen werden, aber sie darf auch wieder nicht zu hoch sein, weil wir sonst unerwünschte Effekte in der Maschine haben. Es ist also schon ein komplexes Verfahren.

Welche Neuheiten haben Sie auf der Jimtof am Stand gezeigt?

Kleinmann: Wir haben ein neues 5-Achs-Hochleistungsbearbeitungszentrum vorgestellt, die MAM72–70V. Sie ist deutlich
größer als die Vorgängermaschine, mit jetzt
500 kg Palettenbeladung, einem Störkreis von 700 mm und einem sehr kompakten Palettenwechsler. Außerdem haben wir die MX-850, eine noch größere 5-Achs-Maschine erstmals mit einem Vierfach-Palettenwechsler präsentiert. Nachdem wir die kleineren Maschinen der MX-Baureihe mit solchen smarten Palettenwechslern ausgestattet hatten, haben wir das also nun auch mit dem größten Modell getan.

Das folgt dem Trend, den Sie ansprachen …

Kleinmann: Ja. Einfache Automatisierung für den kleinen, flach organisierten Betrieb, wo es aber zunehmend darum geht, Maschinen intensiver und flexibler zu nutzen, und zwar mannlos. Diese Anforderung ist in einem solchen Maße gegeben, dass wir da im Moment wirklich große Zuwächse spüren. Das beginnt schon bei der visuellen Erfassung. Der Palettenspeicher ist nicht abstrakt, sondern Sie können reinschauen. Paletten- und Werkzeugmanagement sind nicht aufgebläht, sondern übersichtlich gehalten, sodass der Werker mit einigen zusätzlichen Kenntnissen diese Automatisierungsmöglichkeit nutzen kann. Wenn Sie dagegen einen 40-Fach-Palettenspeicher von uns nutzen wollen, dann müssen Sie schon deutlich tiefer in Paletten- und Werkzeugmanagement einsteigen.

Auffallend bei der Jimtof 2018 war die deutlich veränderte Hallenstruktur. Wie bewerten Sie das?

Kleinmann: Alles war viel gemischter jetzt. In unserer Halle etwa fanden sich auch Unternehmen, die sich um Peripherie oder Spanntechnik kümmern. Das neue System hat Vor- und Nachteile. Für uns als Aussteller ist es ganz interessant, wenn ab und zu einmal umorganisiert wird. Wir haben das bereits auf der AMB gesehen, wo durch das Hinzukommen einer weiteren Halle neue Situationen entstanden sind, durch die Sie auch wieder neue Kunden an Ihren Ständen haben. Ich glaube schon, dass diese neue Durchmischung vorteilhaft sein kann für Aussteller, wenn es darum geht, Kontakte zu knüpfen und Kunden zu finden.

Wollte der japanische Verband damit auch die internationalen Hersteller besser bedienen als in der Vergangenheit?

Kleinmann: Das kann ich nicht so genau beurteilen. Aber ich weiß umgekehrt, dass die deutschen Messeveranstalter sehr gezielt ausländische Hersteller platzieren, um eine gewisse Durchmischung zu erreichen und Partnerschaften zu entwickeln. Eine AMB etwa interessiert sich inzwischen ja nicht nur für eine Messe in Deutschland, sondern auch für Messen in Übersee. Dadurch entstehen neue Interessen, denen man Rechnung tragen muss. Will man in Fernost eine Messe organisieren, dann muss man den Herstellern aus diesen Ländern auch die Chance eröffnen, bei uns in gute Lagen zu kommen. Und ich glaube, dass das in Japan genauso ist. Jedenfalls war die Aufplanung der Jimtof in diesem Jahr sicher kein Zufall.

Wie bewerten Sie generell die aktuelle Marktentwicklung im Werkzeugmaschinenbereich? Spüren Sie eine Abkühlung?

Kleinmann: Wir nehmen das noch nicht so sehr als konkrete Abkühlung, denn als Unsicherheit wahr. In einigen Teilmärkten im Automobilzuliefererbereich sehen wir leichte Beruhigungstendenzen, aber das sind nicht unsere absoluten Kernsegmente. Im Großen und Ganzen sehen wir in allen Regionen und in allen Marktsegmenten nach wir vor eine sehr hohe Nachfrage.

Beginnt im Automobilbereich die Elektromobilitätsdebatte zu wirken? Auf der Jimtof-Keynote eines Nissan-Vertreters ging es ja fast ausschließlich darum …

Kleinmann: In Asien hat die Elektromobilität im Moment vielleicht eine größere Bedeutung als in Europa, und ich denke schon, dass hieraus auch leichte Rückgänge für die spanende Industrie resultieren könnten.

Der Sprecher von Nissan hat aber auch deutlich gemacht, dass in manchen Bereichen die Anforderungen an die Präzisionszerspanung eher noch zunehmen, etwa bei den Getrieben, wo schnelle Kraftübertragung gefragt ist …

Kleinmann: Es gibt durchaus interessante Bereiche, in denen die Anforderungen steigen – was uns als Hersteller von Hochleistungsmaschinen natürlich zugute kommt. Aber dennoch wird es auch Eintrübungen im einen oder anderen Bereich des Automobilsektors geben. Aber alle anderen Marktsegmente funktionieren im Moment ganz hervorragend, und wir müssen uns sehr anstrengen, den Anforderungen gerecht zu werden und im Sourcing erfolgreich zu sein. Wer hier nicht langfristig plant und mit den Lieferanten spricht, der hat Schwierigkeiten, Wachstum zu generieren.

Welche Komponenten betrifft das?

Kleinmann: Komponenten wie Kugelrollspindeln, Führungen, Lager und Ähnliches. Auch Elektronikkomponenten. Da ringen wir im Moment um Ressourcen und Kapazitäten im Markt. Wenn wir Zuwächse erreichen wollen – und die Nachfrage gibt das ja her – dann brauchen wir auch mehr Komponenten, und die zu bekommen ist im Moment nicht einfach.

Matsuura Machinery GmbH
www.matsuura.de

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