Dr. Dieter Kress, Geschäftsführender Gesellschafter, Mapal, Aalen

Dr. Dieter Kress, Geschäftsführender Gesellschafter, Mapal Dr. Kress KG

„Fertig ist man als Unternehmer nie“

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Als junger Mann hat Dr. Dieter Kress die Firma seines Vaters mit der Fokussierung des Produktprogramms auf kubische Bauteile auf die Erfolgsspur gebracht. Heute, 48 Jahre später, ist aus Mapal mit 100 Mitarbeitern ein global aufgestellter Werkzeughersteller mit knapp 5000 Angestellten geworden. Im Gespräch zu seinem 75. Geburtstag erklärt er, wie man mit viel Arbeit und Glück erfolgreich sein kann. Das Interview führten: Holger Röhr und Frederick Rindle
mav: Herr Dr. Kress, seit nunmehr 48 Jahren sind Sie nun bei Mapal. In dieser Zeit ist aus einem kleinen Familienbetrieb ein global agierender Werkzeughersteller geworden. Was zeichnet den Menschen und Unternehmer Dieter Kress aus?
Kress: Wer erfolgreich sein will, muss sich den Erfolg mit den richtigen Leuten zusammen erarbeiten. Hierzu muss man die Mitarbeiter, damit sie ihre optimale Leistung bringen können, unabhängig von ihrer formalen Ausbildung passend einsetzen. Dazu gehören Glück und Menschenkenntnis. Zudem ist Mapal wie eine Familie, die den Menschen die notwendige Sicherheit bietet, um innovativ arbeiten zu können. Mir ist es zudem wichtig, technologisch immer auf dem aktuellen Stand zu sein. Denn nur mit dem aktuellen Wissensstand kann man auch absehen, wohin die Entwicklung gehen wird. Hat man die richtigen Leute und das notwendige Know-how, kann man in einem Familienunternehmen Entscheidungen auch innerhalb eines Vormittags fällen. Beim 3D-Druck zum Beispiel haben wir vormittags entschieden, dass wir nachmittags eine Maschine kaufen werden. Ich habe mich dabei aber immer an die Grundsätze meines Vaters gehalten: Niemals wie ein Hasardeur zu agieren, sondern die Projekte stets mit einer soliden Finanzierung anzugehen. Des Weiteren habe ich mich immer gerne durch das Lesen von Fachzeitschriften weitergebildet. Dabei kann man selbst aus Anzeigen erfahren, was den Mitbewerbern gerade wichtig ist.
Ihr Vater, der Steuerberater Dr. Georg Kress, hat die Mapal Dr. Kress KG 1950 in Aalen gegründet. Zu Beginn hat der Betrieb Holzbearbeitungsmaschinen und Gewindebohrer hergestellt. Vier Jahre später hat Ihr Vater mit der Einmesserreibahle ein damals völlig neues Werkzeugkonzept ins Programm aufgenommen. Wieso hat er damals ausgerechnet auf dieses eher schwierige Werkzeug gesetzt?
Kress: Mein Vater hat sich nach dem Krieg erfolgreich bemüht, die richtigen Schritte zu machen – zunächst mit dem Ziel, wirtschaftlich zu überleben. 1954 wurde Mapal dann die Einschneiden-Reibahle von einem italienischen Werkzeugexperten angeboten, der zuvor bei anderen Werkzeugherstellern mit seinem Werkzeug gescheitert war. Als Nichttechniker hat mein Vater die Reibahle trotzdem gekauft. Leider hat das Werkzeug, wie von den anderen befürchtet, auch hier anfänglich nicht richtig funktioniert. Man war also gezwungen, das Produkt weiterzuentwickeln. Damit wurde der Geist geweckt, der bis heute in allen Mapal-Produkten steckt. Wir haben uns nie auf 08/15-Werkzeuge beschränkt, sondern immer versucht, das Beste für den Kunden zu entwickeln. Nachdem wir mit der Reibahle die gewünschten guten Ergebnisse erzielt hatten, kam ein neues Problem auf uns zu: Niemand kannte das Produkt. Also waren unsere Außendienstler gezwungen, dem Kunden das Werkzeug zu erklären und beim Einsatz zu helfen. So wurde der Servicegedanke schon früh ein Teil der noch jungen Firma.
Sie sind 1969 bei Mapal eingetreten. War es schon immer klar, dass Sie das Unternehmen einmal übernehmen würden?
Kress: Ich bin eigentlich nie gefragt worden, ob ich den Betrieb übernehmen möchte. Allerdings wäre es für mich auch keine Option gewesen, die Firma nicht zu übernehmen. Ich war auch schon mein ganzes Leben mit dem Betrieb verbunden: So habe ich schon mit 14 Jahren im Betrieb ausgeholfen. Damals habe ich zum Beispiel die Farbringe auf die Gewindebohrer aufgebracht, oder später habe ich auf einer manuell betätigten Schleifmaschine die Messer für die Reibahlen geschliffen. Kurz vor dem Abitur durfte ich mit unserem Außendienstmitarbeiter, da dieser kein Englisch konnte, zum Übersetzten mit nach England. Später habe ich in Stuttgart Maschinenbau und zusätzlich in München Betriebswirtschaftslehre studiert. Meine Diplomarbeit habe ich über die Reibahle angefertigt, und meine Dissertation beschäftigt sich mit dem Reiben bei hohen Schnittgeschwindigkeiten. Hierfür wurde extra eine Maschine von Tiefbohrtechnik angeschafft – das war damals etwas ganz Besonderes! So bin ich über die Jahre in die Firma einfach hingewachsen.
Kurz nach Ihrem Eintritt in die Firma sind die Gewindebohrer, mit denen Mapal den Großteil seines Umsatzes gemacht hatte, aus dem Sortiment herausgenommen worden. Wer hat das damals entschieden?
Kress: Anfang der siebziger Jahre hatte die Firma Junker verschiedene Maschinen auf den Markt gebracht, mit der Gewindebohrer vollautomatisch hergestellt werden konnten. Facharbeiter, wie es sie bei Mapal gab, waren kaum mehr gefragt. Es ging nur noch um die Masse. Deshalb habe ich mich damals dafür eingesetzt, dass wir uns voll und ganz auf die Reibahle fokussierten. In dieser Zeit haben wir auch die Reibahle mit Wendeplatte entwickelt. Das war ein ganz wesentlicher Schritt für den langjährigen Erfolg damit in der Automobilindustrie.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Automobilisten in den Anfangsjahren?
Kress: Die Zeit von 1970 bis 1990 war eine sehr interessante Phase für Mapal und für mich. Das Besondere war eben, dass wir ausschließlich die Reibahle im Programm hatten. Wir hatten anfänglich zu Daimler und dann auch zu anderen Automobilfirmen einen sehr guten Kontakt, und das genau in der Zeit, in der die Transferstraßen bei den Automobilisten zunehmend an Bedeutung verloren und die neu aufkommenden flexiblen Fertigungszentren mehr in den Fokus rückten. Das war die Chance für Mapal. Denn die Mapal-Reibahle mit ihren Führungsleisten war für den Einsatz auf den Zentren prädestiniert, da die Führungsleisten eine gerade Bohrung garantierten, während die Mehrschneiden-Reibahle mehr zum Verlaufen neigte. Zudem waren wir damals wie heute ein Hersteller von Sonderwerkzeugen. Wir haben Lösungen entwickelt und keine Standardprodukte verkauft. Mit unseren Lösungen konnten zum Beispiel auf einen Bearbeitungszentrum Zylinderköpfe und Motorblöcke gefertigt werden.
Mit den Bearbeitungszentren wurde auch der Hohlschaftkegel als neue Norm-Schnittstelle eingeführt. Sie haben als Vorsitzender des Normungsausschusses wesentlich zu dessen Erfolg beigetragen. Gegen wen mussten Sie das System damals durchsetzen?
Kress: Die Normung kam 1985. Bis dahin gab es auf dem Markt die Schnittstellen ABS von Komet, Capto von Sandvik und KM von Kennametal. Wobei das nur über eine Lizenz zu erwerbende ABS-System für rundlaufende Werkzeuge am meisten verbreitet war. Die OEMs wollten aber auf jeden Fall ein System, das herstellerunabhängig und offen ist. Von daher lief es schließlich auf den HS-Kegel oder den HS-Zylinder hinaus. Als Vorsitzender der Normungskommission, der ich durch Zufall geworden war, musste ich schließlich eine Entscheidung treffen. Der Beschluss war, den HSK als Normvorschlag fertigzustellen und den Zylinder, falls der HSK sich nicht bewähren würde, als Vor-Normvorschlag vorzubereiten. Der HSK hat sich aber sehr schnell durchgesetzt – auch weil die Zylinder beim Wechseln oftmals klemmten. Während der Sitzungen der Kommission in London und Frankfurt habe ich viel gelernt und viele gute und belastbare Kontakte, gerade auch in die Automobilindustrie, geknüpft.
Mapal war und ist nicht nur in Deutschland erfolgreich. Welche Strategie haben Sie bei der Internationalisierung des Unternehmens verfolgt?
Kress: Die Globalisierung brachte ganz neue Anforderungen an uns mit sich. Da war es nicht damit getan, dass man sich lediglich einen Vertreter sucht, und fertig. Denn die Kunden wollen in China, USA oder Brasilien den gleichen Service und Betreuung haben wie hier in Deutschland. Wir haben von daher ab 1990 eine ganze Menge an Firmen im Ausland gegründet. Zunächst in Europa, dann in Amerika und schließlich in Asien. Es war uns dabei immer wichtig, dass vor Ort die Werkzeuge ausgelegt und konstruiert werden können. Davon profitieren wir noch heute. Das waren auch für uns ganz neue Zeiten, ganz anders als zu Beginn des Unternehmens.
Was hat Ihr Vater Ihnen mitgegeben?
Kress: Er war Kaufmann. Er hat mir gezeigt, dass eine solide Finanzierung und Organisation die Grundlage eines erfolgreichen Unternehmens ist. Er hatte auch den notwendigen Weitblick. So war er zum Beispiel 1977 in Amerika und hat aus den Fachzeitschriften erfahren, dass dort immer stärker Werkzeuge mit Wendeplatten im Einsatz waren. Daraufhin hat er diese Entwicklung auch bei Mapal angestoßen. Er konnte das System als Kaufmann technologisch nicht umsetzen, aber er wusste in welche Richtung es gehen muss. Er war bis zu seinem Tod 1992 auch immer bei Mapal präsent.
Die Entwicklung rund um die PKD-Werkzeuge haben Sie ja rechtzeitig erkannt. Wann haben Sie bemerkt, dass das ein lohnendes Gebiet sein würde?
Kress: Mit den PKD-Werkzeugen ging es bei Mapal 1993/94 los. Damals hörte ich von verschiedenen Außendienstmitarbeitern, dass es jemanden gibt, der Werkzeuge macht, die eine sehr gute Qualität erzeugen und die man nicht einstellen muss. Nachdem ich das zwei, drei Mal mit einem „Das ist nicht möglich“ abgetan hatte, habe ich mir beim vierten Mal die Werkzeuge zeigen lassen. Produziert wurden sie von der Firma WWS. Es war damals eine schwierige Zeit nicht nur für die PKD-Experten. So bot sich die Möglichkeit, die Firma zu kaufen – und wir haben schnell gehandelt. Der Gründer von WWS hat auch weiter als Geschäftsführer für uns gearbeitet. Wir haben im Übrigen bei jedem Firmenkauf darauf geachtet, dass die Geschäftsführer auch weiterhin die Firma leiteten. Bei WWS ging es danach unerhört steil bergauf. Ohne die engen Toleranzen, die der HSK beim Spannen ermöglicht, wären die PKD-Werkzeuge allerdings nie so weit gekommen. Heute fertigen wir die PKD-Werkzeuge in 13 Fertigungsstandorten, von Indien bis Pforzheim, mit der gleichen Qualität. Die PKD-Werkzeuge waren ein Glücksfall für uns.
Welche zukünftigen Herausforderungen sehen Sie auf Mapal zukommen?
Kress: Die größten Herausforderungen werden sicherlich durch die neuen Antriebskonzepte auf uns zukommen. Allerdings wird die Umstellung zum Beispiel auf Elektromotoren nicht über Nacht geschehen. Ich gehe momentan davon aus, dass der Absatz von Autos mit konventionellem Antrieb bis 2025 noch steigen wird. Allerdings stellen wir schon heute unser Produktprogramm auf die neuen Antriebskonzepte um. So werden etwa die Gehäuse der E-Motoren fast aller Hersteller mit unseren Werkzeugen bearbeitet. Auf dem Mapal Dialog 2017 im Juni werden wir unsere Lösungen für die E-Mobilität einem breiten Publikum vorstellen. Zudem haben wir auch Werkzeuge für die Luftfahrtindustrie erfolgreich in unser Programm aufgenommen. Mit der plattformbasierten Online-Lösung für die C-Teile-Verwaltung, c-Com, haben wir weiterhin bewiesen, dass wir uns auch in der digitalen-Welt neue Geschäftsfelder erschließen können. Ein weiteres interessantes Feld ist das Re-Tooling. Viele Kunden haben flexible Zentren gekauft, und jetzt wollen sie diese auf neue Motorengenerationen umstellen. Die Mapal-Experten vor Ort können die Hersteller dabei mit ihrer Werkzeugexpertise unterstützen. Generell wird Mapal in Zukunft mehr zum Dienstleister werden.
Machen Ihnen manche Entwicklungen auchSorgen?
Kress: Was mir Sorgen macht ist die Bildungspolitik in Deutschland. Das Wissen in Mathematik und den MINT-Fächern allgemein wird bei den Schulabgängern immer geringer, und das obwohl Themen wie Industrie 4.0 immer wichtiger werden. Das ist eine absolute Fehlentwicklung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf der Strecke bleiben.
Ihr Sohn Dr. Jochen Kress ist 2008 bei Mapal eingestiegen. Haben Sie schon über Ihre Nachfolge gesprochen?
Kress: Ja selbstverständlich. Er wird in nicht allzu ferner Zukunft mein Nachfolger werden. Er hat schon jetzt wesentliche Bereiche im Unternehmen übernommen. Jochen und mir ist es wichtig, das die Gene von Mapal weiter bestehen. Wobei das Unternehmen sich immer an die aktuellen Erfordernisse und Möglichkeiten anpassen muss. C-Com ist dabei schon der erste richtige Schritt. Ich wünsche meinem Sohn und Mapal, dass es in Zukunft so erfreulich weitergeht. Ich möchte aber nicht, dass er alles so macht, wie ich oder mein Vater es gemacht haben. Das wäre der falsche Weg. Mein Sohn wird es so machen, wie er es für richtig hält – und ich bin mir sicher, er wird es richtig machen. Ich bin dankbar, dass wir jetzt schon zehn Jahre zusammen arbeiten durften. Es wird aber auch nach der Übergabe so sein, dass mein Büro immer noch mir gehören wird. Ich möchte solange ins Geschäft kommen können, wie ich es kann. Denn fertig ist man als Unternehmer nie. Wenn man einen eigenen Betrieb hat, muss man ja auch nie aufhören, dass ist das Schöne! ■
Mapal Fabrik für Präzisionswerkzeuge Dr. Kress KGwww.mapal.com
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