Was wir vom Silicon Valley lernen können: Expertenrunde diskutiert auf der Automatica Deutschland braucht neue Gründerkultur

Was wir vom Silicon Valley lernen können: Expertenrunde diskutiert auf der Automatica

Deutschland braucht neue Gründerkultur

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Im klassischen Maschinenbau sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Doch im Zuge der Industrie-4.0-Debatte stellen sich viele die Frage, ob die USA dank ihrer Softwarekompetenz und der Verfügbarkeit an Risikokapital die bessere Ausgangsposition haben könnten. Ob bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien wie der Servicerobotik künftig das Silicon Valley den Ton angibt, und wie sich die heimische Industrie aufstellen muss, darüber diskutierten Experten im Juni auf der Automatica. Autor: Dr. Frank-Michael Kieß

Es war eine Art Weckruf, den die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) Anfang dieses Jahres an die Adresse der Bundesregierung gesendet hat. Zwar sei Deutschland beim Thema Industrierobotik generell gut aufgestellt, aber im Zukunftsmarkt Servicerobotik sehen die Experten große Defizite. Unterstützt wird diese Einschätzung durch die Tatsache, dass der US-Internetgigant Google vor zwei Jahren gleich acht Robotik-Firmen übernommen hat. Und im Silicon Valley, dem Epizentrum der US-Informationstechnik, hat sich mittlerweile ein Ökosystem von Hunderten von Robotik-Startups entwickelt – auch vorangetrieben durch die Non-Profit-Organisation Silicon Valley Robotics, die sich die Förderung der Innovationskraft und der Kommerzialisierung von Robotertechnik auf die Fahnen geschrieben hat.

Das Beispiel Servicerobotik zeigt, dass das Prinzip Silicon Valley auch in industriellen Zukunftsmärkten eine große Innovations- und Umsetzungskraft entfalten kann. Wo die Stärken der US-Wirtschaft in punkto Kommerzialisierung von Automatisierungstechnik liegen und an welchen Stellschrauben die deutschen Hersteller drehen müssen, darüber diskutierte eine hochkarätig besetzte Expertenrunde im Juni anlässlich einer Podiumsdiskussion auf der Automatica in München. Veranstaltet wurde sie von der mav-Schwesterzeitschrift Automationspraxis, und die Fragestellung lautete: Ist das Silicon Valley mit dem Technologiebeschleuniger Risikokapital bei der Robotik-Entwicklung entscheidend schneller?
Disruptive Technologie ist beiKapitalgebern gefragt
„Mit umwälzenden Ideen ist es aktuell im Silicon Valley sehr leicht, an Risikokapital zu kommen“, berichtet Torsten Kroeger, Robotikexperte beim kalifornischen Google-Ableger X: The Moonshot Factory. Das bestätigt Andra Keay, Geschäftsführerin von Silicon Valley Robotics. So sei dort allein im vergangenen Jahr eine Milliarde Dollar in Robotik investiert worden. „Deutschland muss flexibler werden, was neue Finanzierungsmodelle wie Crowd Funding oder Angel Investment betrifft“, rät sie.
Das ist allerdings leichter gesagt als getan. „Wir können das Silicon Valley nicht einfach kopieren, weil die Denkweise dort eine ganz andere ist“, bemerkt Prof. Dr. Sami Haddadin, Leiter des Instituts für Regelungstechnik an der Leibniz Universität Hannover. Er berichtet, dass ihn insbesondere ein Gastaufenthalt an der Stanford University zur Gründung des Münchner Startups Kastanienbaum inspiriert hat. „Ohne die Erfahrungen im Silicon Valley hätte ich kein Unternehmen gründen können.“
Für Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer IPA in Stuttgart, erfüllt er damit eine Vorbildfunktion: „Professoren sollten eigentlich auch die Eigenschaften eines Entrepreneurs aufweisen.“ Ins selbe Horn stößt Kroeger: „Wissenschaftler und Technologieexperten müssen die Möglichkeit haben, der Gesellschaft die Fördermittel über entsprechende Produkte auch zurückzugeben.“ Das Problem sei allerdings, dass deutsche Universitäten Spin-offs häufig wenig Unterstützung geben, weil sie das geistige Eigentum selbst behalten wollten. Die Stanford University sei hier ein leuchtendes Gegenbeispiel. Ein weiteres Hemmnis sei, dass man in Europa immer noch Angst davor habe, mit eigenen Unternehmungen zu scheitern, merkt Bernd Storm an, der vor zwei Jahren die Münchner Gründer-Konferenz Bits & Pretzels ins Leben gerufen hat.
Allerdings sei in den vergangenen fünf bis zehn Jahren die Risikobereitschaft in Deutschland gewachsen, entgegnet Bauernhansl. „Nicht jeder Nachwuchswissenschaftler will mehr zum großen OEM. Die Generation Y will ihr eigenes Ding machen, und das Internet der Dinge ist der richtige Platz, um neue Startups zu generieren.“ Dazu müssten sich aber auch die großen deutschen Player umstellen. „Große Firmen sollten unabhängige Startups stärker in ihrem Wachstum unterstützen, anstatt sie gleich integrieren zu wollen.“
Große Player bieten Startups eine Basis
Bei Bosch hat man sich diesen Rat zu Herzen genommen. Mit der 2013 gegründeten Robert Bosch Startup GmbH will man hauseigene Forscher mit radikalen Innovationen unterstützen, die sich nicht über die bestehenden Geschäftsbereiche vermarkten lassen. Ihnen will man bei Produktentwicklung, Ausbildung eines passenden Geschäftsmodells und Kundenfindung helfen. „Die Industrie entwickelt sich so dynamisch, dass Großunternehmen mit der Investition in eine neue Technologie nicht mehr so lange warten können, bis diese reif ist“, erläutert CEO Peter Guse.
Doch auch wenn es der deutschen Industrie gelingt, Innovationen besser als bisher zu kommerzialisieren – ist der Vorsprung US-Wirtschaft in punkto Software, Datensammlung, -analyse und -vermarktung nicht doch uneinholbar groß? „Im Consumerbereich sind die USA weit vorn“, gibt Bauernhansl zu. „Aber bei Industrieprodukten und Automatisierung haben die Unternehmen aus dem Silicon Valley aktuell keinen Vorteil – weil sie keinen Zugriff auf die Fertigungsdaten haben.“ Hier hätten Firmen wie Daimler oder BMW einen Wettbewerbsvorteil, weil ihr Kerngeschäft der Zugriff auf Kunden und Maschine sei. Die alles entscheidende Frage wird sein, was sie daraus machen. „Die schwierigste Aufgabe ist“, so Keay abschließend, „eine offene Innovationskultur zu schaffen, „die Beweglichkeit und Veränderung ermöglicht.“ ■
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